Kum tram mit mir....

Kategorie: besinnliche Weihnachtsgedichte

Kum tram mit mir....

I hob tramt i bin a Engal
und Weihnachtn woa - i bin obe gflogn vom Himmel
zu de Mensch’n auf die Erd’
und hob ma ihre Wünsche ang’hört

Die Stimmung in d’Häusa war g’miatlich u. schen
und die Kinda, de woit’n des Christkind scho sehn

sie g’frein sie aufs Christkind kennans gor net erwort’n
schaun im Finstan durchs Fensta in Gart’n
und pst.. nur net zu laut
weu sies Christkind ja sunst net eina traut

Und allas waoa g’schmückt und da Schnee is g’foin
da hob i ma ang’hört, was die Mensch’n so woin

Ja… Weihnacht’n …

I hob tramt i bin a Engal
und bring die Geschenke, erfüll jeden Wunsch….

Wos ? stimmt net ? Na leida ned ganz….

Es gibt Wünsche, de san net zu erfüllen
von niemand’n, beim bestem Wüll’n

losst’s mi erklärn um was do geht
damit’s a jeda glei vasteht

do woa in mein traum wer, der hat mi gebet’n
doch bitte seinen Liebsten zu rett’n

sein Wunsch war, moch eam so g’sund wie wir
i gabat mei Hab und Gut dafür

und jedn Tag tuat er drum i bet’n
denn nur a Wunda kann eam rett’n

Nur des is sei Wunsch den er begehrt
ois andre hat für ihn kann Wert

Dein Wunsch hob i g’sagt, kann i net erfülln

Daun hob i eam aug’schaut, kurz nochgedocht,
weu des hat mi wirklich sehr traurig g’mocht

dann hob i g’sagt wast wos:
es gibt da wos – i schick das vorbei
pass guat drauf auf und lass nie mehr los

es is die Hoffnung – kennst’as
sie soi immer bei dir sei
soll die begleit’n in schweren Zeiten
soll dein Licht sein und dein Glaube
deine Zukunft und dein Jetzt
und Trost dir Spenden wenn Du schwankst

... und dann bin i aufg’wacht - wos woa des jetzt
a Traum - die Wirklichkeit ...?

I hob tramt i bin a Engal
Autor: Sylvia Seidl

Ausführliche Interpretation des Gedichts

Das Gedicht "I hob tramt i bin a Engal" erzählt in einer einfühlsamen, bairisch gefärbten Sprache von einem tiefgründigen Weihnachtstraum. Es beginnt als idyllische Weihnachtsfantasie, in der das lyrische Ich als Engel die festlich geschmückte Welt und die freudige Erwartung der Kinder erlebt. Dieser erste Teil entspricht dem klassischen, heiteren Weihnachtsbild. Die entscheidende Wende erfolgt jedoch mit der Begegnung mit einem Menschen, dessen sehnlichster Wunsch nicht mit materiellem Besitz zu erfüllen ist: die Heilung eines geliebten Menschen. Hier durchbricht das Gedicht bewusst die übliche Erzählung vom wunscherfüllenden Weihnachtswesen.

Anstatt ein unmögliches Versprechen zu geben, bietet der Engel-Traumende etwas Immaterielles und zugleich Mächtiges an: die Hoffnung. Diese wird als beständige Begleiterin in schweren Zeiten, als Licht, Glaube und Trost beschrieben. Die Interpretation legt nahe, dass dies die eigentliche, zeitlose "Gabe" der Weihnachtszeit ist – nicht die Erfüllung jedes materiellen Wunsches, sondern die Stärkung der inneren Haltung. Der Schluss, der unsicher zwischen Traum und Wirklichkeit fragt, unterstreicht die Ambivalenz der Botschaft. Es bleibt offen, ob es sich um eine tröstliche Illusion oder eine echte spirituelle Erfahrung handelt, und lädt den Leser ein, selbst darüber nachzudenken, was "Hoffnung" in der dunklen Jahreszeit bedeuten kann.

Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?

Das Werk erzeugt eine mehrschichtige, vorwiegend nachdenkliche und tröstende Stimmung. Zunächst vermittelt es durch die Schilderung von Schnee, geschmückten Häusern und aufgeregten Kindern eine vertraute, gemütliche und freudige Weihnachtsatmosphäre. Diese weicht jedoch schnell einer nachdenklichen und melancholischen Grundstimmung, als der unerfüllbare Wunsch nach Gesundheit thematisiert wird. Die Stimmung ist von Mitgefühl und einer gewissen Hilflosigkeit geprägt. Sie wandelt sich schließlich in einen tröstenden, fast zärtlichen Ton, wenn die Hoffnung als Geschenk und steter Begleiter angeboten wird. Insgesamt hinterlässt das Gedicht ein Gefühl der Besinnlichkeit, der Anteilnahme und eines getrösteten Realismus, der über reine Festtagsfreude hinausgeht.

Für welchen Anlass eignet sich das Gedicht?

Dieses Gedicht eignet sich hervorragend für Anlässe, die Raum für Besinnung und Tiefgang bieten. Es ist eine ausgezeichnete Wahl für einen Advents- oder Weihnachtsgottesdienst, insbesondere wenn das Thema "Hoffnung" im Mittelpunkt steht. Auch bei einer ruhigen Adventsfeier im Familien- oder Freundeskreis, vielleicht beim gemeinsamen Kerzenschein nach dem Essen, kann es einen bedeutsamen Impuls setzen. Für eine Weihnachtskarte an einen Menschen, der einen schwierigen Lebensabschnitt durchmacht, bietet es tröstende Worte, die ehrlicher sind als reine Frohbotschaften. Es passt weniger zu lauten, rein geselligen Festen, sondern eher zu Momenten der Stille und des Innehaltens in der oft hektischen Vorweihnachtszeit.

Für welche Altersgruppe eignet sich das Gedicht?

Das Gedicht spricht in erster Linie Erwachsene und Jugendliche ab etwa 14 Jahren an. Diese Altersgruppen verfügen über die Lebenserfahrung, um die Tragweite des unerfüllbaren Wunsches und die Bedeutung der angebotenen Hoffnung nachvollziehen und emotional erfassen zu können. Auch Senioren, die vielleicht selbst mit Verlust oder Krankheit konfrontiert sind, können die tröstende Botschaft besonders wertschätzen. Die Verwendung des bairischen Dialekts kann zudem für Menschen aus dem süddeutschen, österreichischen oder Südtiroler Raum einen besonderen identifikationsstiftenden und herzlichen Charakter haben.

Für wen eignet sich das Gedicht weniger?

Für kleinere Kinder im Vorschul- und frühen Grundschulalter ist das Gedicht weniger geeignet. Die Sprache im Dialekt und die abstrakten Konzepte wie die unerfüllbare Bitte und der Trost durch "Hoffnung" sind für sie schwer zugänglich. Sie erwarten von einer Weihnachtsgeschichte meist eine klare, erzählerische und freudig-endende Handlung. Des Weiteren eignet es sich weniger für rein traditionelle, ausschließlich festliche Weihnachtsfeiern, die bewusst auf die klassische, ungetrübte Symbolik von Christkind, Bescherung und allgemeiner Freude setzen möchten. Die melancholische und realistische Zwischennote könnte hier als dissonant empfunden werden.

Wie lang dauert der Vortrag?

Bei einem ruhigen, betonten und einfühlsamen Vorlesen hat der Vortrag des gesamten Gedichts eine Dauer von ungefähr zwei bis zweieinhalb Minuten. Diese Zeitspanne ermöglicht es, den Dialekt klar auszusprechen und den Stimmungswechsel von der anfänglichen Idylle über die Nachdenklichkeit bis hin zum tröstenden Schluss auch durch Sprechpausen und Tonlage wirksam zu gestalten. Für die Planung einer Feier oder Lesung sollten Sie daher ein kleines Zeitfenster von etwa drei Minuten einplanen, um vor dem Beginn kurz auf den Autor oder den besonderen Charakter des Textes hinweisen zu können.

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