Es zählt

Kategorie: besinnliche Weihnachtsgedichte

Es zählt

Die erste Kerze - eins - es beginnt:
Die Zeit des Advent und jede:r rennt.
Rennt nach den Dingen auf zahllosen Listen
Wunsch und Erwartung und To-do bei den ersten.

Die zweite Kerze - zwei - Erwartung rückt näher:
Baum, Schmuck und Plätzchen noch Haken setzen.
Setzt euch zum Atmen und schaut euch auch an,
wer hat das alles auf Listen getan?

Die dritte Kerze - drei - und kein Ende:
Wettlauf nach Noten, statt Noten zum Singen.
Singen und klingen im Innen und Außen.
Adventlich gestimmt, statt festlich getrimmt.

Die vierte Kerze - vier - Ankunft voraus:
Die Haut sie wird dünner, manch’ Faden reißt.
Reis’ zu dir selbst und öffne das Herz!
Er ist schon gleich da, die Liebe ganz nah.

Zahlreiche Kerzen - ewig - es leuchtet der Baum:
Maria und Josef, die Weisen, das Vieh,
die Hirten, sie kommen und beugen die Knie.
Jesus, da ist er, ich stehe dabei.
Ruhe umfasst mich, Liebe strömt ein.
Das ist was zählt, das muss Weihnachten sein.
Autor: C. Kienzle

Kurze einleitende Zusammenfassung

Das Gedicht "Es zählt" von C. Kienzle wirkt wie ein poetischer Gegenentwurf zur alljährlichen Weihnachtshektik. Es begleitet den Leser durch die vier Adventssonntage und mündet in der eigentlichen Weihnachtsbotschaft. Mit klarer Sprache und einem einfachen, zählenden Aufbau schafft es einen starken Kontrast zwischen dem äußeren Trubel und der inneren Sehnsucht nach Ruhe und Besinnung. Die Wirkung ist dabei doppelt: Zunächst fühlt man sich in der eigenen Vorweihnachtsstress erkannt, um dann sanft zu einer Neuausrichtung geführt zu werden. Es ist weniger ein klassisches Festgedicht als vielmehr eine meditative Anleitung für eine entschleunigte Adventszeit.

Ausführliche Gedichtinterpretation

Das Gedicht ist strukturiert wie ein Adventskalender des Bewusstseins. Jede Strophe ist einer Adventskerze gewidmet, wobei die aufsteigende Zahl ("eins", "zwei", "drei", "vier") den fortschreitenden Zeitdruck unterstreicht. Die ersten drei Strophen zeichnen ein präzises Bild der modernen Vorweihnachtszeit: gehetzte Menschen ("jede:r rennt"), endlose To-do-Listen, der Wettlauf um perfekte Dekoration und das Verfehlen des eigentlichen Sinns ("statt Noten zum Singen"). Die geschlechtergerechte Schreibweise "jede:r" verankert das Gedicht zudem in der Gegenwart.

Der entscheidende Wendepunkt liegt in den letzten Zeilen jeder Strophe, die mit einer Aufforderung zur Besinnung beginnen ("Setzt euch zum Atmen", "Reis' zu dir selbst"). Diese Imperative brechen das hektische Erzähltempo auf und lenken den Blick nach innen. Die vierte Kerze markiert mit dem "dünner" werdenden "Faden" eine emotionale Zuspitzung, die jedoch in die erlösende Gewissheit mündet: "Er ist schon gleich da, die Liebe ganz nah." Hier wird die religiöse Dimension der Ankunft Christi mit dem universellen Gefühl der Liebe verknüpft.

Die finale, fünfte Strophe sprengt den bisherigen Rahmen. Sie ist nicht mehr "zahlreichen Kerzen", sondern der "ewigen" Kerze, dem Licht Christi, gewidmet. Die Szenerie wechselt von der eigenen Wohnstube zur Krippe. Die Aufzählung aller Beteiligten - von Maria bis zum Vieh - schafft ein Gefühl der Gemeinschaft und der ehrfürchtigen Teilhabe ("ich stehe dabei"). Der krönende Abschluss ist die persönliche Erfahrung von "Ruhe" und einströmender "Liebe". Die Erkenntnis "Das ist was zählt" stellt eine endgültige, klare Priorisierung dar und beantwortet die im Titel aufgeworfene Frage nach dem Wesentlichen.

Stimmung des Gedichts

Das Gedicht erzeugt eine dynamische Stimmung, die sich im Verlauf deutlich wandelt. Es beginnt mit einem Gefühl der Getriebenheit und beinahe satirischen Überforderung, die viele Leser unmittelbar nachempfinden können. Daraus entwickelt sich eine wachsende Spannung zwischen äußerem Druck und dem Wunsch nach Innehalten. In der Mitte dominiert eine kritisch-nachdenkliche Atmosphäre, die in der vierten Strophe in eine Phase der seelischen Verletzlichkeit ("die Haut sie wird dünner") übergeht. Die Schlussstrophe löst alle vorangegangene Anspannung in einem tiefen Gefühl der Friedfertigkeit, der Andacht und der beglückenden Gewissheit auf. Die finale Stimmung ist daher getragen, warm und erfüllt.

Geeignete Anlässe

Dieses Gedicht eignet sich hervorragend für alle Momente, in denen man der kommerziellen Weihnachtszeit eine tiefgründige Note entgegensetzen möchte. Perfekt ist es für:

  • Die Eröffnung oder Gestaltung einer Adventsandacht oder eines besinnlichen Gottesdienstes.
  • Den Beginn eines Adventskränzchens oder eines Familienabends im Dezember, um eine ruhige Gesprächsgrundlage zu schaffen.
  • Eine Weihnachtsfeier im Kollegen- oder Freundeskreis, die mehr sein soll als nur Party.
  • Die persönliche Lektüre in der Adventszeit als tägliche Erinnerung an die eigentlichen Werte.
  • Als Textimpuls für eine Gesprächsrunde oder einen Workshop zum Thema "Entschleunigung im Advent".

Zielgruppe

"Es zählt" spricht in erster Linie erwachsene Leser und Zuhörer an, die bereits eigene Erfahrungen mit der stressigen Seite der Vorweihnachtszeit gemacht haben. Besonders Menschen in der Lebensmitte, die zwischen familiären Pflichten, beruflichen Verpflichtungen und dem eigenen Wunsch nach Besinnung hin- und hergerissen sind, werden sich in den Schilderungen wiederfinden. Das Gedicht ist auch für Jugendliche und junge Erwachsene geeignet, die für die kritische Reflexion von Traditionen und Konsum zugänglich sind. Durch seine klare Botschaft und die emotionale Entwicklung erreicht es eine breite Altersgruppe ab etwa 16 Jahren.

Weniger geeignet

Weniger passt das Gedicht für rein festliche, ausschließlich feierliche Anlässe, bei denen der Fokus eindeutig auf unbeschwerter Unterhaltung liegt. Für sehr junge Kinder ist der Text aufgrund der abstrakten Reflexionen und der kritischen Töne wahrscheinlich nicht unmittelbar zugänglich. Auch Leser, die ein traditionelles, rein jubelndes oder romantisch verklärtes Weihnachtsgedicht suchen, könnten von der nüchternen Anfangsdiagnose und der Aufforderung zur Selbstreflexion überrascht oder sogar irritiert sein. Es ist kein Gedicht für den schnellen, beiläufigen Vortrag, sondern verlangt nach einer gewissen Aufmerksamkeit.

Vortrags- und Inszenierungstipps

Für einen wirkungsvollen Vortrag sollten Sie den Stimmungswechsel im Gedicht deutlich herausarbeiten. Beginnen Sie die ersten Strophen mit einem etwas schnelleren, fast gehetzten Tempo, das die Hektik widerspiegelt. Nutzen Sie kleine Pausen nach den Aufzählungen ("Listen, Wunsch und Erwartung..."). Bei den besinnlichen Aufforderungen ("Setzt euch zum Atmen") sollten Sie das Tempo deutlich verlangsamen, die Stimme weicher und einladender werden lassen.

Eine eindrucksvolle Inszenierung könnte vier Kerzen oder Teelichter einbeziehen, die zu Beginn des Vortrags unangezündet sind. Zu Beginn jeder der ersten vier Strophen wird eine weitere Kerze entzündet. In der Pause vor der finalen Strophe könnten Sie alle Lichter im Raum bis auf diese vier Kerzen dimmen. Für den letzten Abschnitt ("Zahlreiche Kerzen - ewig...") könnte eine fünfte, vielleicht etwas größere oder andersfarbige Kerze in der Mitte angezündet werden. Ein dezenter musikalischer Hintergrund (ein einfacher Choral oder ruhige Harfenmusik) ab der vierten Strophe kann die emotionale Tiefe zusätzlich unterstützen.

Abschließende Empfehlung

Wählen Sie dieses Gedicht genau dann, wenn Sie spüren, dass die Vorweihnachtszeit wieder einmal im Äußerlichen und Hektischen zu versanden droht. Es ist das ideale sprachliche Werkzeug für den dritten oder vierten Advent, wenn die Erschöpfung spürbar wird und die Sehnsucht nach dem eigentlichen Kern des Festes am größten ist. Setzen Sie es bewusst als Kontrapunkt ein - sei es in der Familie, in der Gemeinde oder einfach für sich selbst. "Es zählt" ist mehr als Deko; es ist eine poetische Einladung, inne zu halten und den Weg zur Krippe auch als inneren Weg zu gehen. Damit bietet es einen einzigartigen Mehrwert, der es von rein dekorativen Festgedichten abhebt.

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