Hörst Du die Weihnacht flüstern

Kategorie: schöne Weihnachtsgedichte

Hörst Du die Weihnacht flüstern

Ganz leis ist es im Winterwald,
man hört nur das Knarzen der Bäume.
So laut dagegen in der Stadt,
geschäftiges Treiben, die Menschen gar matt.
Man wünscht sich beschauliche Zeiten,
möcht friedlich in die Weihnacht gleiten.
Am Land, da ist das wahrlich so,
da sind die Menschen genügsam und froh.
Sie werden alt, trotz schwerem Tun;
wie ist‘s denn mit den Städtern nun?
Laufen gern in schnellem Schritt,
wer rastet, kommt aus seinem Tritt.
Die Stadt, laut und hektisch,
kein Schnee bleibt hier liegen,
so manche gar 'gen Süden fliegen.
Doch mich zieht es hin aufs beschauliche Land,
wo so mancher schon Freude und Stille fand.
Geht es Dir ähnlich, hast du genug,
dann wechsle das Gleis und spring auf den Zug.
Er führt Dich hinaus aus dem ewigen Treiben,
und glaub mir, Du möchtest für immer dann bleiben.
Lass Dich vom Winterwald betören,
dann wirst auch Du die Weihnacht flüstern hören.
Autor: Karin Weidenauer

Ausführliche Interpretation des Gedichts

Das Gedicht "Ganz leis ist es im Winterwald" entfaltet einen tiefgründigen Kontrast zwischen zwei Lebenswelten zur Weihnachtszeit. Es beginnt mit einer fast meditativen Szenerie: Der stille Winterwald, in dem lediglich das charakteristische Knarren der Bäume zu vernehmen ist. Dieses natürliche Geräusch steht in scharfem Gegensatz zum geschäftigen, lärmenden Treiben der Stadt, das die Menschen sogar "matt" werden lässt. Der Wunsch nach "beschaulichen Zeiten" und einem friedlichen Gleiten in das Fest wird unmittelbar formuliert und dient als zentrales Motiv.

Die darauf folgende Gegenüberstellung von Land und Stadt geht über eine reine Beschreibung hinaus und wird fast zu einer Lebensphilosophie. Das ländliche Leben wird mit Genügsamkeit, Zufriedenheit und einem erfüllten, wenn auch anstrengenden Dasein verbunden. Die Bewohner der Stadt hingegen werden als gehetzt porträtiert, getrieben von der Angst, aus dem Tritt zu kommen, wenn sie rasten. Die Zeile "kein Schnee bleibt hier liegen" ist dabei ein starkes Symbol für die Hektik und den fehlenden Raum für Ruhe und beständige Schönheit in der urbanen Welt.

Die finale Strophe wendet sich direkt an den Leser und wird zum Appell. Sie lädt Sie ein, selbst aktiv zu werden ("wechsle das Gleis und spring auf den Zug"), um der Hektik zu entfliehen. Die Verheißung ist klar: Wer sich auf die Stille des Winterwaldes einlässt, wird das eigentliche Wesen der Weihnacht – hier personifiziert als ein Flüstern – erst wirklich vernehmen können. Das Gedicht ist somit weniger ein reines Naturgedicht, sondern vielmehr eine Einladung zur inneren Einkehr und eine Kritik an der modernen, entfremdeten Vorweihnachtszeit.

Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?

Das Werk erzeugt primär eine nachdenkliche und sehnsuchtsvolle Stimmung. Es regt zur Reflexion über das eigene Lebenstempo und die wahre Bedeutung der Festtage an. Gleichzeitig transportiert es ein starkes Gefühl der Sehnsucht nach Ruhe, Ursprünglichkeit und authentischen Momenten. Die Beschreibung des stillen Waldes und des beschaulichen Landlebens wirkt tröstend und bietet ein mentales Gegenbild zum Alltagsstress. Der abschließende, direkte Appell verleiht dem Ganzen eine hoffnungsvolle und motivierende Note. Es ist keine ausgelassene Feierstimmung, sondern eine ruhige, innere und sehr persönliche Festtagsstimmung.

Für welchen Anlass eignet sich das Gedicht?

Dieses Gedicht passt hervorragend zu Anlässen, die der Besinnung und dem Innehalten gewidmet sind. Ideal ist es für einen Adventskaffee oder einen ruhigen Adventsnachmittag im Familien- oder Freundeskreis, wo es als Impuls für Gespräche über Weihnachtsbräuche und persönliche Wünsche dienen kann. Es eignet sich auch sehr gut für den Heiligabend, etwa vor der Bescherung, um eine ruhige und andächtige Atmosphäre zu schaffen. Für einen Gottesdienst in der Adventszeit könnte es als literarische Lesung verwendet werden, die das Thema Erwartung und innere Vorbereitung aufgreift. Zudem ist es eine ausgefallene und persönliche Textwahl für eine Weihnachtskarte an Menschen, die man zu mehr Muße und schönen Momenten ermutigen möchte.

Für welche Altersgruppe eignet sich das Gedicht?

Das Gedicht spricht in erster Linie Erwachsene und Senioren an, die die beschriebene Hektik des Alltags und den Kontrast zur ersehnten Ruhe aus eigener Erfahrung kennen und schätzen können. Auch Jugendliche ab etwa 14 Jahren, die bereits ein Bewusstsein für gesellschaftliche Gegensätze und den eigenen Umgang mit Stress entwickeln, können mit den angesprochenen Themen etwas anfangen. Die klare Sprache und die eingängigen Bilder machen es für diese Gruppen gut zugänglich.

Für wen eignet sich das Gedicht weniger?

  • Kleine Kinder im Vorschul- und Grundschulalter: Die abstrakte Gegenüberstellung von Stadt und Land, der Mangel an einer spannenden Erzählung mit Figuren und der Fokus auf innere Befindlichkeit sind für diese Altersgruppe schwer verständlich und möglicherweise wenig fesselnd.
  • Menschen, die explizit fröhliche und festliche Weihnachtslyrik suchen: Wer nach Gedichten mit klassischer Weihnachtssymbolik (Christkind, Glocken, festliches Essen) oder ausgelassener Feierfreude sucht, wird hier nicht fündig. Die Stimmung ist bewusst ruhig und kontemplativ.
  • Sehr traditionelle, rein religiöse Feiern: Obwohl das Gedicht spirituelle Untertöne hat, fehlen direkte christliche Bezüge wie die Geburt Jesu. Es ist eher ein philosophisches denn ein dogmatisches Weihnachtsgedicht.

Wie lang dauert der Vortrag?

Bei einem gemächlichen, bedächtigen Vorlesevortrag, der der besinnlichen Stimmung des Textes gerecht wird, beträgt die Dauer etwa 60 bis 75 Sekunden. Ein etwas zügigerer, aber immer noch deutlicher Vortrag liegt bei ungefähr 50 Sekunden. Für die präzise Zeitplanung einer Feier oder Lesung sollten Sie daher mit rund einer Minute rechnen. Diese kurze Dauer macht das Gedicht zu einem idealen, unaufdringlichen Programmpunkt, der ohne großen Zeitaufwand eine tiefe und nachklingende Atmosphäre schaffen kann.

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