Das Kerzenkind
Kategorie: schöne Weihnachtsgedichte
Das Kerzenkind
So hat ein Maler die Weihnacht gemalt,Autor: Gisela E. Mielke
im tiefen Schnee, eine Wiese am Wald.
Die Tannen düstern im Hintergrund und Sterne
funkeln zur Mitternachts Stund.
Kein Laut - kein Leben weit und breit,
nur schwere schweigende Einsamkeit.
Doch sieh, da schwankt ein Kerzenlicht,
Wer ist denn heute noch zu Hause nicht?
und stapft allein und ohn´ Bedacht,
auf Weg und Steg durch die Winternacht?
Quer über die Wiese naht der Schein..
es wird wohl ein Mann aus dem
Dorfe sein, der sich beim Weihnachtskauf
in der Stadt zu lange verweilt
und verspätet hat...
Doch nein, Erbarmen.. ein Kind, ein Kind,
trägt schwer seine Kerze durch Schnee und Wind.
Stapft ernst seine kleine kindliche Spur.
Oh armes frierendes Kindelein,
wohin magst du wandern und wer magst du sein ?
So hat ein Maler die Weihnacht gemalt,
für Dich – dem prächtig ein Christbaum strahlt.
Für Dich – damit Du es nimmer vergisst,
wer all dieser Freude Bringer ist !
Das Kind ist´s , dass mit der Kerze sein,
bloßfüßig wandelt im Hemdelein,
Das wandert aus ewiger Herrlichkeit
in unsere armselige Erdenzeit.
Dort frierend wandert – und suchend spät,
wo immer ein Erdenhüttlein steht.
Da will es klopfen und kehren ein,
die Herzen sollen ihm Herberge sein.
Oh – öffnet doch alle –
geschwind, geschwind -
die Weihnacht kommt mit dem Kerzenkind.
Ein alte Weihnachtsgeschichte unserer Familie Rachui, Becker-Lackmann,Mielke
- Kurze einleitende Zusammenfassung der Wirkung
- Ausführliche Interpretation des Gedichts
- Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?
- Für welche Anlässe eignet sich das Gedicht besonders?
- Für wen bzw. für welche Altersgruppe eignet sich das Gedicht?
- Für wen eignet sich das Gedicht weniger?
- Detaillierte Vortrags- und Inszenierungstipps
- Abschließende Empfehlung: Wann genau sollte man dieses Gedicht wählen?
Kurze einleitende Zusammenfassung der Wirkung
Das Gedicht "Das Kerzenkind" entfaltet eine ungewöhnlich intensive und nachhaltige Wirkung, die weit über die reine Beschreibung einer winterlichen Szene hinausgeht. Es beginnt als ruhiges, fast melancholisches Gemälde einer verschneiten Landschaft, um dann mit der Entdeckung des einsamen Kindes eine Wende zu vollziehen. Diese Entdeckung löst beim Leser zunächst Mitleid und Besorgnis aus, die sich jedoch in Staunen und tiefe Ergriffenheit verwandeln, sobald die wahre, symbolische Identität des Kindes offenbart wird. Die finale Aufforderung, dem Kerzenkind Herberge zu gewähren, trifft den Leser unmittelbar und persönlich. Sie verwandelt das Gedicht von einer schönen Geschichte in eine eindringliche, geistliche Aufforderung zur inneren Öffnung. Es hinterlässt weniger das Gefühl besinnlicher Weihnachtsfreude, sondern vielmehr eine nachdenkliche und bewegende Stille, die zum Innehalten einlädt.
Ausführliche Interpretation des Gedichts
Das Gedicht ist kunstvoll in zwei klar voneinander abgegrenzte Teile gegliedert, die durch eine zentrale Erkenntnis getrennt sind. Die ersten Strophen malen ein Bild in Worten: "So hat ein Maler die Weihnacht gemalt". Die Szenerie ist statisch, kalt und leblos – geprägt von "schweigender Einsamkeit". Das Auftauchen des "Kerzenlichts" bringt die erste Bewegung und die erste Frage: "Wer ist denn heute noch zu Hause nicht?". Die folgende, fast prosaische Mutmaßung, es könne ein verspäteter Mann aus dem Dorfe sein, dient als bewusste Fehlleitung. Sie verankert die Szene in der Alltagswelt, um den Kontrast der folgenden Enthüllung umso schockierender zu gestalten.
Der Ausruf "Doch nein, Erbarmen.. ein Kind, ein Kind" markiert den dramatischen Wendepunkt. Das Mitleid für das "arme frierende Kindelein" kulminiert in der direkten Ansprache: "wohin magst du wandern und wer magst du sein?". Die Antwort folgt nicht unmittelbar, sondern wird durch die Wiederaufnahme des Maler-Motivs kunstvoll verzögert: "So hat ein Maler die Weihnacht gemalt, für Dich". Diese Wendung ist entscheidend, denn sie bricht die vierte Wand und macht den Leser zum Adressaten und Verantwortlichen. Das Gedicht erklärt nun seine eigene Symbolik: Das Kind ist die personifizierte Weihnacht, Christus selbst, der "aus ewiger Herrlichkeit in unsere armselige Erdenzeit" wandert. Seine Kerze ist das Licht der göttlichen Liebe, seine bloßen Füße und das dünne Hemd symbolisieren extreme Verletzlichkeit und Entäußerung.
Sein Ziel sind nicht Paläste, sondern "Erdenhüttlein" – ein Bild für jedes einzelne menschliche Herz. Die finale, dringliche Aufforderung "Oh – öffnet doch alle – geschwind, geschwind -" ist der Kern der Botschaft: Weihnachten ist kein passives Beschenktwerden, sondern ein aktiver Empfang. Die "Herberge" wird im Herzen gewährt. Das Gedicht deutet so das traditionelle Bild der Herbergssuche auf eine innerseelische, zeitlose Ebene um.
Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?
"Das Kerzenkind" erzeugt eine komplexe, mehrschichtige Stimmung, die sich im Verlauf des Lesens deutlich wandelt. Zunächst dominiert eine stille, fast bedrückende Wintereinsamkeit. Die Bilder von "tiefem Schnee", "düsteren Tannen" und "schwerer schweigender Einsamkeit" wirken kalt und abweisend. Mit dem Erscheinen des zarten, "schwankenden" Kerzenlichts kommt eine Note der Hoffnung und zaghaften Erwartung auf. Die Identifikation des Trägers als frierendes Kind löst dann eine Welle des Mitgefühls und der Beklommenheit aus.
Die Enthüllung der wahren Bedeutung verwandelt diese Beklommenheit in ehrfürchtiges Staunen. Die Stimmung wird nun feierlich, geheimnisvoll und zutiefst ergreifend. Die Schlusszeilen schließlich bringen eine dringliche, mahnende und zugleich hoffnungsvolle Note. Insgesamt ist die Grundstimmung nicht ausgelassen oder fröhlich, sondern nachdenklich, innig und spirituell bewegend. Sie lädt zur Kontemplation ein und hinterlässt ein Gefühl der persönlichen Ansprache und Verantwortung.
Für welche Anlässe eignet sich das Gedicht besonders?
Dieses Gedicht ist kein reines Unterhaltungsstück, sondern ein Werk mit Tiefgang, das sich für besondere Anlässe und Settings eignet, in denen Raum für Besinnlichkeit besteht.
- Advents- und Weihnachtsgottesdienste, besonders für die Besinnung vor oder nach der Christmette.
- Familienfeiern am Heiligen Abend, als ruhiger, bedeutungsvoller Programmpunkt zwischen Geschenkübergabe und Festmahl.
- Weihnachtsfeiern in kleineren Kreisen wie Seniorenkreisen, Gesprächsrunden oder bei der Freiwilligen Feuerwehr, wo ein nachdenklicher Ton geschätzt wird.
- Pädagogische Settings im Religions- oder Ethikunterricht für ältere Schüler, um die symbolische Dimension von Weihnachten zu erarbeiten.
- Private Andacht oder Vorlesestunde in der Adventszeit, um sich persönlich auf das Fest einzustimmen.
Für wen bzw. für welche Altersgruppe eignet sich das Gedicht?
"Das Kerzenkind" spricht in erster Linie ein erwachsenes Publikum an, das bereit und in der Lage ist, über die äußere Handlung hinaus die theologische und emotionale Symbolik zu erfassen. Jugendliche ab etwa 14 Jahren, die sich für Literatur und die tieferen Bedeutungen von Festen interessieren, können ebenfalls sehr angesprochen werden. Besonders geeignet ist es für Menschen, die die kommerzielle Hektik der Vorweihnachtszeit hinter sich lassen und einen Moment der spirituellen oder emotionalen Tiefe suchen. Auch für Personen mit einem Bezug zur bildenden Kunst ist das Gedicht aufgrund seines stark malerischen, tableauartigen Aufbaus ein besonderer Genuss.
Für wen eignet sich das Gedicht weniger?
Aufgrund seines anspruchsvollen, ruhigen und symbolträchtigen Charakters eignet sich das Gedicht weniger für rein unterhaltungsorientierte oder sehr hektische Veranstaltungen. Es ist nicht die erste Wahl für eine fröhliche Kinderweihnachtsfeier mit jüngeren Kindern (unter 10 Jahren), da die Bilder der Einsamkeit und des frierenden Kindes verunsichern könnten und die metaphorische Ebene noch nicht verstanden wird. Ebenso könnte es in einem rein geselligen Rahmen mit lauter Umgebung seine Wirkung verfehlen, da es Stille und Aufmerksamkeit benötigt. Für Suchende nach kurzer, reiner Festtagsfreude ohne religiösen oder nachdenklichen Anklang könnte die dringliche, mahnende Note des Schlusses möglicherweise als zu ernst empfunden werden.
Detaillierte Vortrags- und Inszenierungstipps
Ein gelungener Vortrag ist entscheidend, um die vielschichtige Stimmung des Gedichts zu transportieren. Beachten Sie dabei folgende Hinweise:
- Tempogestaltung: Beginnen Sie langsam und bedächtig, um die winterliche Stille zu malen. Beschleunigen Sie leicht bei den Fragen ("Wer ist denn heute...?"). An der Stelle "Doch nein, Erbarmen..." ist ein deutlicher Einschnitt, ein Innehalten und dann ein veränderter, vielleicht etwas leiserer und erschütterter Tonfall wirksam. Der erklärende Teil ("Das Kind ist´s...") sollte klar und feierlich gesprochen werden. Der Schlussappell verlangt nach einer Steigerung in der Dringlichkeit, ohne laut zu werden.
- Pausen: Setzen Sie gezielt Pausen ein: nach "Mitternachts Stund", nach "schweigende Einsamkeit", und besonders nach dem erschütterten "ein Kind, ein Kind". Die Pause vor der finalen Zeile "die Weihnacht kommt mit dem Kerzenkind" sollte lang sein, um dem Satz sein volles Gewicht zu verleihen.
- Inszenierung: Eine dezente musikalische Untermalung mit einzelnen Klavier- oder Cembalotönen oder einem leisen Glockenspiel kann die Stimmung unterstützen. Die Wirkung entfaltet sich am besten in einem abgedunkelten Raum, der nur von einigen echten Kerzen oder einem einzelnen, starken Spotlicht auf den Vortragenden erhellt wird. Eine Projektion eines Gemäldes einer winterlichen Nachtlandschaft oder eines einsamen Lichts im Dunkeln könnte den "Maler"-Aspekt visuell aufgreifen.
- Körpersprache: Der Blick sollte zu Beginn in die Ferne, in das imaginäre Gemälde gerichtet sein. Bei der direkten Ansprache "für Dich" und "öffnet doch alle" ist der Blickkontakt mit den Zuhörern entscheidend.
Abschließende Empfehlung: Wann genau sollte man dieses Gedicht wählen?
Wählen Sie "Das Kerzenkind" dann, wenn Sie der Weihnachtsfeier eine Tiefendimension verleihen möchten, die über das Übliche hinausgeht. Es ist das perfekte Gedicht für den späten Advent, etwa am vierten Adventssonntag, oder für den frühen Heiligen Abend, kurz bevor die Bescherung beginnt – also in einem Moment der Sammlung. Es eignet sich hervorragend als Einstieg für ein gemeinsames Gespräch über die persönliche Bedeutung des Festes. Entscheiden Sie sich für dieses Werk, wenn Sie Ihren Gästen oder Ihrer Familie ein literarisches und spirituelles Erlebnis bieten möchten, das im Gedächtnis bleibt und die wahre, verwundbare und suchende Seele der Weihnacht zeigt. Es ist weniger ein Gedicht zum lauten Feiern, sondern vielmehr eine stille, aber kraftvolle Einladung, das eigene Herz zu öffnen.
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