Es ist Advent

Kategorie: Adventsgedichte

Es ist Advent

Die Blumen sind verblüht im Tal, die Vöglein heimgezogen;
Der Himmel schwebt so grau und fahl, es brausen kalte Wogen.
Und doch nicht Leid im Herzen brennt: Es ist Advent!

Es zieht ein Hoffen durch die Welt, ein starkes, frohes Hoffen;
das schließet auf der Armen Zelt und macht Paläste offen;
das kleinste Kind die Ursach kennt: Es ist Advent!

Advent, Advent, du Lerchensang von Weihnachts Frühlingstunde!
Advent, Advent, du Glockenklang vom neuen Gnadenbunde!
Du Morgenstrahl von Gott gesendt! Es ist Advent!
Autor: Friedrich Wilhelm Kritzinger

Kurze einleitende Zusammenfassung der Wirkung

Friedrich Wilhelm Kritzinger gelingt mit seinem Gedicht "Es ist Advent" ein faszinierender Balanceakt. Er stellt der düsteren, winterlichen Natur eine innere, freudige Erwartung gegenüber. Die Wirkung entfaltet sich durch diesen Kontrast: Während die äußere Welt erstirbt, entzündet sich im Herzen eine unerschütterliche Hoffnung. Das Gedicht transformiert die scheinbar trostlose Jahreszeit in eine Zeit der spirituellen Vorbereitung und freudigen Erwartung auf das Weihnachtsfest. Es erinnert den Leser daran, dass die wahre Bedeutung der Adventszeit jenseits von Kälte und Dunkelheit in der Vorfreude auf das Kommende liegt.

Biografischer Kontext

Friedrich Wilhelm Kritzinger (1816-1890) war ein deutscher evangelisch-lutherischer Geistlicher, Pädagoge und Schriftsteller. Seine literarische Bedeutung liegt vor allem im Bereich der religiösen und pädagogischen Schriften sowie der Lyrik. Als Oberlehrer und später Direktor des Lehrerseminars in Niesky war er tief in der pietistischen Erziehungstradition verwurzelt. Diese Prägung schlägt sich deutlich in seinem Werk nieder. Seine Gedichte, darunter viele Weihnachts- und Adventslieder, zeichnen sich durch eine klare, volksnahe Sprache und einen starken, tröstlichen Glauben aus. "Es ist Advent" ist ein typisches Beispiel für seine Fähigkeit, theologische Inhalte in eingängige, bildhafte Poesie zu kleiden, die sowohl im kirchlichen als auch im häuslichen Rahmen Verbreitung fand.

Ausführliche Interpretation des Gedichts

Das Gedicht ist in drei klar strukturierte Strophen gegliedert, die eine Entwicklung von der äußeren zur inneren Wahrnehmung vollziehen. Die erste Strophe malt ein detailliertes Bild des späten Herbstes oder frühen Winters: Verblühte Blumen, weggezogene Vögel, ein grauer Himmel und kalte Wellen. Diese Motive symbolisieren Vergänglichkeit, Abschied und eine erstarrende Welt. Der entscheidende Wendepunkt kommt mit dem Vers "Und doch nicht Leid im Herzen brennt". Das "doch" leitet einen radikalen Perspektivwechsel ein. Das Wissen um die Adventszeit besiegt die natürliche Melancholie.

Die zweite Strophe beschreibt die Kraft dieser Hoffnung. Sie wird als aktiv und weltumspannend charakterisiert ("zieht durch die Welt"). Bemerkenswert ist die sozialutopische Note: Die Hoffnung öffnet sowohl die Hütte der Armen als auch die Paläste der Reichen – sie wirkt als gesellschaftlicher Gleichmacher. Die Aussage, dass selbst das kleinste Kind den Grund kennt, unterstreicht die Einfachheit und Allgemeinverständlichkeit der christlichen Weihnachtsbotschaft.

Die dritte Strophe steigert sich zu einem hymnischen Lobpreis der Adventszeit. Durch die Apostrophe (Anrede) "Advent, Advent" und die kraftvollen Metaphern wird die Zeit personifiziert und verherrlicht. Der "Lerchensang von Weihnachts Frühlingstunde" ist ein geniales Bild: Die Lerche, Symbol des Frühlings und des Himmels, wird zum Boten des Weihnachtsfestes, das geistig einen neuen Frühbringer ankündigt. Der "Glockenklang vom neuen Gnadenbunde" verweist auf den Bund Gottes mit den Menschen durch Christus. Der "Morgenstrahl von Gott gesendet" schließlich verbildlicht Christus als Licht der Welt, das die Dunkelheit durchbricht. Jede Zeile dieser Strophe ist eine Steigerung der Freude und ein Bekenntnis zum göttlichen Ursprung dieser besonderen Zeit.

Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?

Das lyrische Werk erzeugt eine einzigartige, kontrastreiche Stimmung. Es beginnt mit einer nachdenklichen, fast schwermütigen Atmosphäre, die von der Beschreibung der kalten, leblosen Natur geprägt ist. Diese Stimmung wandelt sich jedoch rasch in eine innere, warme Zuversicht. Die finale Stimmung ist eine Mischung aus feierlicher Andacht, ungeduldiger Vorfreude und triumphierender Gewissheit. Es ist weniger die stille, besinnliche Stimmung vieler Adventsgedichte, sondern eher eine kraftvolle, zuversichtliche und beinahe jubelnde Erwartungshaltung. Das Gedicht vermittelt das Gefühl, ein großes Geheimnis zu kennen, das alle äußeren Widrigkeiten überstrahlt.

Für welche Anlässe eignet sich das Gedicht besonders?

  • Gottesdienste und Andachten in der Adventszeit: Besonders passend für den ersten Advent, da es das grundlegende Thema der Ankunft und Hoffnung aufgreift.
  • Adventsfeiern in Schulen oder Kindergärten: Die einfache, bildhafte Sprache und die Betonung der kindlichen Freude machen es ideal für pädagogische Einrichtungen.
  • Familiäre Adventsrituale: Zum Vorlesen beim Entzünden der ersten Adventskerze oder als Einstimmung auf den Dezember.
  • Chor- oder Rezitationsvorträge: Die rhythmische Sprache und die sich steigernde Struktur bieten sich für eine musikalische oder theatralische Darbietung an.
  • Reflexion über den Sinn der Adventszeit: In Gesprächskreisen kann es als Impuls dienen, um über den Kontrast zwischen kommerziellem Trubel und innerer Vorbereitung nachzudenken.

Für wen bzw. für welche Altersgruppe eignet sich das Gedicht?

Das Gedicht besitzt eine breite Altersappeal. Aufgrund seiner klaren Bilder und des wiederkehrenden, einprägsamen Refrains "Es ist Advent!" eignet es sich bereits für Kinder im Vorschul- und Grundschulalter. Jugendliche und Erwachsene können die tieferen theologischen und metaphorischen Ebenen erschließen, insbesondere die sozialkritische Nuance der zweiten Strophe und die komplexen Bibelbezüge der dritten. Es ist somit ein generationenübergreifendes Gedicht, das in der Familie gemeinsam entdeckt werden kann, wobei jede Altersgruppe einen anderen Zugang findet.

Für wen eignet sich das Gedicht weniger?

Personen, die eine ausschließlich weltliche oder rein winterlich-idyllische Betrachtung der Vorweihnachtszeit suchen, könnten mit der explizit christlichen und theologisch aufgeladenen Sprache der dritten Strophe ("Gnadenbund", "Morgenstrahl von Gott gesendet") wenig anfangen. Ebenso ist es weniger für Anlässe geeignet, die einen humorvollen oder rein unterhaltenden Charakter haben. Wer ein kurzes, knappes Gedicht sucht, mag die drei Strophen und die etwas altertümliche Diktion als zu umfangreich empfinden.

Detaillierte Vortrags- und Inszenierungstipps

  • Stimmlage und Tempo: Beginnen Sie mit einer ruhigen, beschreibenden und etwas dunkleren Stimme in der ersten Strophe. Bei dem Wort "doch" setzen Sie einen hörbaren Wendepunkt. Steigern Sie das Tempo und die Lebhaftigkeit in der zweiten Strophe. Die dritte Strophe sollte feierlich, klar und mit strahlender Stimme vorgetragen werden, fast wie eine Verkündigung.
  • Pausen und Betonungen: Nutzen Sie die Gedankenstriche und Ausrufezeichen als natürliche Pausen. Betonen Sie stark die Kontrastwörter ("doch", "und doch nicht"). Der Refrain "Es ist Advent!" sollte jedes Mal mit fester, freudiger Überzeugung gesprochen werden.
  • Inszenierung mit Kindern: Die erste Strophe kann mit traurigen Gesten (hängende Blumen, wegfliegende Vögel) untermalt werden. Ab der zweiten Strophe werden die Gesten offen und einladend (Arme öffnen). Der letzte Refrain kann von allen gemeinsam gesprochen werden.
  • Visuelle oder musikalische Untermalung: Ein Vortrag vor einem dunklen Hintergrund, der mit fortschreitendem Gedicht von immer mehr Kerzen erhellt wird, unterstreicht den Inhalt. Leise, sphärische Glockenklänge oder Harfenmusik im Hintergrund können die Stimmung unterstützen, ohne den Text zu übertönen.
  • Chorisches Sprechen: Besonders effektiv ist es, die erste Strophe von einer Einzelstimme, die zweite von einer kleinen Gruppe und die dritte vom gesamten Publikum oder Chor sprechen zu lassen, um die sich ausbreitende Hoffnung akustisch erfahrbar zu machen.

Abschließende Empfehlung: Wann genau sollte man dieses Gedicht wählen?

Wählen Sie dieses Gedicht genau dann, wenn Sie der Adventszeit ihre spirituelle Tiefe und kraftvolle Hoffnung zurückgeben möchten. Es ist der perfekte literarische Begleiter für den Beginn des Advents, um sich gegen die Hektik des Einkaufens und die Oberflächlichkeit des Konsums zu wappnen. Setzen Sie es gezielt ein, um eine Feier oder Andacht von einer melancholischen Herbststimmung in eine freudige, erwartungsvolle Winterstimmung zu überführen. Ideal ist es am späten Nachmittag des ersten Adventssonntags, wenn die Dämmerung früh einsetzt und die erste Kerze am Adventskranz angezündet wird. In diesem Moment entfaltet Kritzinger Text seine ganze magische Kraft: Er verwandelt die äußere Dunkelheit in ein inneres Licht der Vorfreude.

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