Der Tannenbaum
Kategorie: Adventsgedichte
Der Tannenbaum
Vor langer Zeit im dunklen Tann,Autor: unbekannt
ein kleines Tännchen wuchs heran.
Ganz zart war es, wie es da stand
und langsam sich nach oben wand.
Das ist jetzt schon sehr lange her,
nun gibt es hier kein Tännchen mehr.
Ein Tannenbaum, ganz groß und breit
wurd´ aus dem Tännchen mit der Zeit.
So steht er da, erfüllt von Stolz,
auf seinen Wuchs, sein gutes Holz,
als er nicht weiß wie ihm geschieht
wie er an sich nach unten sieht.
„Oh nein“, denkt er – „das kann nicht sein,
da tut sich was an meinem Bein.
Welch komisch Ding bewegt sich da
und kommt mir jetzt so schrecklich nah.“
– es ritzt und ratzt so vor sich hin,
was ist das für ein komisch´ Ding?
Jetzt kann er´s spüren, ach oh Graus,
es zieht ihm glatt die Schuhe aus.
Und wo er eben noch ganz fest,
die Füße in die Erd´ gepresst,
gestanden mit schwerem, vollem Geäst
nur noch ein Stumpf sich sehen lässt.
Ach wüsst´ er nur wie ihm geschieht,
das komisch´ Ding nimmt ihn und flieht.
Und laut schallt es aus dunklem Tann,
das ist bestimmt der Förstersmann.
So geht es schnell und hoppla hopp
durch Wald und Wiese im Galopp.
Der Förster, der kommt hinterher,
er kriegt sie dann aber doch nicht mehr.
Auf einmal wird es schwarz und grau,
was ist denn das hier für ein Bau?
Kein Licht die Dunkelheit erhellt,
ja ist das hier das End´ der Welt?
Doch da erscheint ein kleines Licht,
er ahnt Gestalten, sehen kann er sie nicht.
Erst als er ganz in der Nähe ist,
kann er sehen, dass jemand am Feuer sitzt.
Und als er sie so da sitzen sieht,
wohl einer an seiner Pfeife zieht,
da fallen ihm all die Märchen ein,
die er gehört hat – da war er noch klein.
Von Kobolden und Wichteln die leben im Wald,
von Feen und Elfen, jung oder alt.
Er hat nie wirklich daran geglaubt,
was er hier sieht, den Verstand ihm fast raubt.
Denn hinter dem Feuer da fängt´s ja erst an,
da wird gebastelt, gebacken, getan.
Es geht dort ganz geschäftig zu,
geschwind wird geknetet, gebacken im Nu.
Dort werden Geschenke in allen Größen
in Papier verpackt und gestapelt zu Stößen.
Noch ein paar Schleifen dann drum herum
und karwumm fällt der ganze Stapel um.
Doch gleich kommt Einer angerannt,
er kann´s nicht glauben und schaut gebannt.
Da türmen sich alle Pakete auf,
die Zauberkunst nimmt so ihren Lauf.
So Vieles gibt es hier zu entdecken,
ach könnte er sich doch noch mehr recken -
da plötzlich wird er noch einmal gerissen,
das war´s hoffentlich denkt er beflissen.
Und wirklich auf einmal um ihn herum
stehen alle da und schauen stumm –
mit glänzendem, frohem und feuchtem Blick -
hier möchte er bleiben, niemals zurück.
Wie er so da steht und man ihn bestaunt,
ein Wichtel zu einem Elfen raunt -
„welch schöner Baum, oh welch Entzücken,
jetzt sollen die Feen ihn noch schmücken.“
Der Tannenbaum wußt´ nicht wie ihm geschah,
viele, hübsche Feen waren ihm plötzlich ganz nah
und bunte Kugeln und Glitzersterne,
Feenstaub, Äpfel und Mandelkerne.
Alles das kommt an seine Zweige,
so lange bis das Gut langsam geht zur Neige
und dann wird es plötzlich ganz still um ihn her,
das ist wohl das Christkind – oh er freut sich sehr.
Und wie es da in seinem goldenen Kleid
auf ihn zukommt, das Haar völlig verschneit,
um die Kerzen auf seinen Ästen anzuzünden,
da kann er nichts mehr Schönres finden.
Wie war er doch so glücklich jetzt,
auch fühlt er sich nicht mehr verletzt.
Das was ihm heute war widerfahren,
war wirklich das Schönste in all seinen Jahren.
Es kommt dann auch noch der Weihnachtsmann,
um die Geschenke zu holen und bestaunt den Tann.
Und wenn ihr´s nicht glaubt, seid ihr selber schuld,
verliert nicht den Glauben und habt Geduld.
Vielleicht begegnet euch auch irgendwann
ein Kobold oder ein Wichtel im dunklen Tann.
Oder ihr hört es dort leise flüstern,
„hier stand ich, hier stand ich“ und dann ein Knistern…
- Kurze einleitende Zusammenfassung der Wirkung
- Ausführliche Interpretation des Gedichts
- Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?
- Für welche Anlässe eignet sich das Gedicht besonders?
- Für wen bzw. für welche Altersgruppe eignet sich das Gedicht?
- Für wen eignet sich das Gedicht weniger?
- Vortrags- und Inszenierungstipps
- Abschließende Empfehlung
Kurze einleitende Zusammenfassung der Wirkung
Das Gedicht "Der Tannenbaum" entführt seine Leser und Zuhörer auf eine zauberhafte Reise aus der Perspektive eines Baumes. Es verbindet die naive Verwunderung eines gefällten Tannenbaums mit der geheimnisvollen Welt der Weihnachtswesen. Die Wirkung ist dabei doppelt faszinierend: Einerseits erzeugt es jene staunende Weihnachtsmagie, die vor allem Kinderherzen höherschlagen lässt. Andererseits bietet es durch seine ungewöhnliche Erzählperspektive auch für Erwachsene einen frischen und berührenden Blick auf das Schicksal des Weihnachtsbaums, der vom traurigen Ende im Wald zu einem glorreichen Auftritt im Kreise von Christkind und Wichteln geführt wird.
Ausführliche Interpretation des Gedichts
Das Gedicht erzählt mehr als nur eine Weihnachtsgeschichte; es ist eine moderne Parabel über Wandlung und den Sinn hinter scheinbar schmerzhaften Ereignissen. Interpretiert man die Verse genau, so durchlebt der Tannenbaum eine regelrechte Heldenreise. Aus seinem vertrauten, im "dunklen Tann" verwurzelten Dasein wird er gerissen – ein Akt, den er zunächst als schrecklichen Verlust und Angriff ("es zieht ihm glatt die Schuhe aus") empfindet. Seine Reise in die unbekannte "schwarz und graue" Welt symbolisiert den Übergang vom vertrauten Leben in einen neuen, unbekannten Zustand.
Die überraschende Wende erfolgt in der Begegnung mit den mythischen Wesen. Die anfängliche Angst schlägt um in staunende Freude, als er erkennt, dass er zum Mittelpunkt eines wundersamen Rituals wird. Die Feen, die ihn schmücken, das Christkind, das die Kerzen entzündet, und der bewundernde Weihnachtsmann verleihen seinem Dasein einen völlig neuen, erfüllenden Sinn. Die Zeile "auch fühlt er sich nicht mehr verletzt" ist der Schlüsselmoment dieser Interpretation: Was als brutaler Schnitt begann, entpuppt sich als notwendiger Schritt, um Teil von etwas Größerem, Strahlendem zu werden. Der Baum verwandelt sich vom Waldbewohner zum Symbol der Festfreude und des Schenkens. Die letzten, geheimnisvollen Zeilen im Wald laden dazu ein, die Magie dieser Verwandlung auch in der realen Welt zu suchen und den "Glauben" an das Wunderbare zu bewahren.
Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?
"Der Tannenbaum" erzeugt eine dynamische und facettenreiche Stimmung, die den Leser durch verschiedene emotionale Landschaften führt. Es beginnt mit einer leicht melancholischen, fast märchenhaften Stille ("Vor langer Zeit im dunklen Tann"). Schnell folgt dann Unruhe, Verwirrung und sogar ein Hauch von Schrecken, wenn der Baum gefällt und entführt wird. Diese düstere Phase – unterstrichen durch Begriffe wie "Graus" und "End´ der Welt" – weicht jedoch bald einer Atmosphäre des staunenden Entdeckens.
Im Reich der Wichtel und Feen herrscht eine geschäftige, freudig-hektische und wundersame Stimmung vor. Das Gedicht malt hier ein lebendiges Bild voller Licht ("kleines Licht"), Gerüche (Pfeife, Gebackenes) und geschäftiger Tätigkeit. Die Krönung ist die feierliche, andächtige und tief beglückende Stimmung, wenn das Christkind erscheint. Die finale Stimmung ist somit eine Mischung aus weihnachtlicher Verzückung, tiefer Zufriedenheit und einem nachklingenden, geheimnisvollen Flüstern, das die Magie über den Augenblick hinaus am Leben erhält.
Für welche Anlässe eignet sich das Gedicht besonders?
Dieses vielschichtige Gedicht ist ein wahrer Schatz für verschiedene festliche Gelegenheiten. Sein primärer Anlass ist natürlich die Weihnachtszeit. Es eignet sich hervorragend:
- Als festliche Lesung am Heiligen Abend, unmittelbar bevor der geschmückte Baum zum ersten Mal erstrahlt, um seine "Geschichte" zu erzählen.
- Bei Adventsfeiern in der Familie oder im kleinen Kreis, um die Vorfreude zu steigern.
- Als Teil eines weihnachtlichen Kindergarten- oder Schulprogramms, da es sich wunderbar szenisch umsetzen lässt.
- Für gemütliche Vorlesestunden in der Adventszeit, eingebettet in eine Decke und bei Kerzenschein.
- Auch für eine weihnachtliche Andacht oder eine besinnliche Feier kann es aufgrund seiner metaphorischen Tiefe eine schöne Bereicherung sein.
Für wen bzw. für welche Altersgruppe eignet sich das Gedicht?
Die primäre und begeisterte Zielgruppe sind Kinder im Alter von etwa vier bis zehn Jahren. Die einfache, bildhafte Sprache, die spannende, aber nicht beängstigende Handlung und die Welt der Fabelwesen sprechen diese Altersgruppe unmittelbar an. Darüber hinaus ist das Gedicht aber auch ein Genuss für Erwachsene, die Kindern vorlesen, da es selbst für sie unterhaltsam und anrührend ist. Eltern, Großeltern oder Pädagogen, die Wert auf qualitativ hochwertige, erzählerische Weihnachtsliteratur legen, die über simple Reime hinausgeht, werden dieses Werk besonders schätzen. Es verbindet generationenübergreifend die Freude am Weihnachtswunder.
Für wen eignet sich das Gedicht weniger?
Weniger geeignet ist das Gedicht für sehr junge Kinder unter drei Jahren, da der Text zu lang und die Handlung für sie noch zu komplex ist. Ebenso könnten Leser, die ausschließlich nach kurzen, knappen und traditionellen Weihnachtsreimen suchen (wie "Morgen kommt der Weihnachtsmann"), von der epischen Länge und der erzählerischen Ausführlichkeit möglicherweise überfordert oder gelangweilt sein. Menschen, die eine rein religiöse, auf die biblische Weihnachtsgeschichte fokussierte Dichtung erwarten, finden hier eine eher mythologisch-folkloristische Erzählung. Für einen schnellen, humorvollen Pointen-Reim sollte man sich ebenfalls anderswo umsehen.
Vortrags- und Inszenierungstipps
Um die Magie des Gedichts voll zur Geltung zu bringen, sind stimmungsvolle Vortragstechniken entscheidend. Variieren Sie Ihr Tempo und Ihre Lautstärke! Beginnen Sie langsam und geheimnisvoll. Steigern Sie das Tempo und die Unruhe bei der Fällung und der wilden Fahrt ("hoppla hopp"). In der Wichtelwerkstatt darf es lebhaft und geschäftig klingen, beim Erscheinen des Christkinds wiederum andächtig und weich.
Setzen Sie Ihre Stimme gezielt ein: Sprechen Sie die Gedanken des Baums ("Oh nein", denkt er...) mit naiver, ängstlicher Betonung. Die Geräusche ("ritzt und ratzt", "karwumm") sollten deutlich und plastisch imitiert werden. Eine wunderbare Inszenierungsidee ist es, das Gedicht als kleines Theaterstück mit verteilten Rollen aufzuführen: Ein Erzähler, ein Sprecher für den Baum, und vielleicht weitere Stimmen für den Förster und die Wichtel. Dazu passende, dezente Geräusche (Glöckchen, das Rascheln von Papier, ein sanftes Windgeräusch) und eine stimmungsvolle Beleuchtung, die von dunkel zu hell wechselt, schaffen ein unvergessliches Hörerlebnis.
Abschließende Empfehlung
Wählen Sie dieses Gedicht genau dann, wenn Sie mehr als nur einen netten Reim suchen. Entscheiden Sie sich für "Der Tannenbaum", wenn Sie eine atmosphärisch dichte, erzählerisch fesselnde und emotional berührende Geschichte in Versform wünschen, die den Zauber von Weihnachten von einer völlig neuen Seite zeigt. Es ist die perfekte Wahl für einen besonderen Moment der Ruhe und Gemeinschaft in der oft hektischen Vorweihnachtszeit – idealerweise an einem Dezemberabend, wenn die Geschenke vielleicht schon gepackt sind, der Baum aber noch im Dunkeln wartet. Lesen Sie es vor, und entzünden Sie anschließend gemeinsam das Licht an den Zweigen. Sie werden den Baum und das Fest danach mit anderen Augen sehen. Dieses Gedicht verwandelt nicht nur den Tannenbaum, sondern auch das Herz desjenigen, der es auf sich wirken lässt.
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