10 kleine Tannenbäume
Kategorie: Adventsgedichte
10 kleine Tannenbäume
Zehn kleine TannenbäumeAutor: Bernd Gast
wuchsen auf mit einem Traum:
Wenn wir einmal groß sind, werden
wir bestimmt ’mal Weihnachtsbaum.
Doch dann in einer Juli-Nacht,
kurz nach 12, wurden alle gefällt.
Mit Säge und Axt, rapp-zapp, schnell gemacht.
Auch junges Holz bringt schon gutes Geld!
So endete der erste Baum
als Jäger- oder Lattenzaun.
Nummer 2 und 3 kann man jetzt seh’n,
als Schränke bei Ikea steh’n.
Baum 4 und 5, aus deren Stamm
schnitzte man ’ne Holzeisenbahn,
und die Ästchen, grad mal fingerdick,
die landeten in der Streichholzfabrik.
Und was geschah mit 6 bis 9 ?
Nun auch für die gab’s Nix zum Freun.
Sie steh’n entastet, ziemlich krumm,
jetzt bei HochTief als Bauholz rum.
Und brechen sie, bricht auch ihr Stolz,
dann enden sie als Feuerholz.
Doch Nummer 10, der hat’s geschafft:
Er fiel vom LKW bei Nacht.
Kinder haben ihn gefunden,
seinen Traum dann wahr gemacht:
Sie schmückten ihn zum Weihnachtsbaum,
mit Kugeln, Kerzen, Engelshaar.
Dem Baum war dabei piep-egal,
dass grad erst Ende Juli war.
- Kurze einleitende Zusammenfassung
- Ausführliche Gedichtinterpretation
- Stimmung des Gedichts
- Geeignete Anlässe
- Zielgruppe
- Weniger geeignet für
- Vortrags- und Inszenierungstipps
- Abschließende Empfehlung
Kurze einleitende Zusammenfassung
Das Gedicht "10 kleine Tannenbäume" von Bernd Gast erzählt auf charmant-melancholische Weise eine moderne Weihnachtsgeschichte, die weit über das übliche Festtagsidyll hinausgeht. Es verbindet den kindlichen Traum von der Erfüllung mit einer schonungslosen Darstellung wirtschaftlicher Verwertung. Die zehn Bäume erleben fast alle ein nüchternes, zweckgebundenes Schicksal als Zaun, Möbel oder Bauholz. Erst der letzte Baum erfährt durch einen Zufall und die unbefangene Kreativität von Kindern seine ersehnte Bestimmung - allerdings mitten im Sommer. Diese unerwartete Wendung verleiht dem Werk eine besondere Tiefe und regt zum Nachdenken über Tradition, Kommerz und die Magie des Augenblicks an.
Ausführliche Gedichtinterpretation
Gasts Gedicht arbeitet mit einer klaren, fast märchenhaften Struktur, die an Abzählreime erinnert. Die zehn Bäume stehen symbolisch für Träume und naive Hoffnungen ("wuchsen auf mit einem Traum"). Der abrupte Einschnitt "in einer Juli-Nacht" stellt den Konflikt zwischen romantischem Ideal und ökonomischer Realität dar. Die nüchterne Feststellung "Auch junges Holz bringt schon gutes Geld!" fungiert als zentrale, kritische Sentenz der gesamten Erzählung.
Die anschließende Aufzählung der Verwendungen - vom Lattenzaun über Ikea-Schränke bis hin zur Holzeisenbahn - liest sich wie ein Katalog industrieller Holzverarbeitung. Dies unterstreicht die Anonymität und Beliebigkeit, der die Individuen (hier die Bäume) in einem solchen System anheimfallen. Die Sprache ist dabei bewusst einfach und teilweise umgangssprachlich ("rapp-zapp", "Nix zum Freun"), was den Kontrast zur poetischen Grundidee verstärkt.
Die Rettung des zehnten Baumes erfolgt nicht durch heldenhafte Tat, sondern durch einen profanen Unfall ("Er fiel vom LKW"). Die Kinder, als Repräsentanten einer unbefangenen, nicht-kommerziellen Welt, erkennen und erfüllen den ursprünglichen Traum. Die Pointe liegt in der zeitlichen Verschiebung: "dass grad erst Ende Juli war." Diese Zeile entlarvt die Künstlichkeit unserer festgelegten Rituale und feiert gleichzeitig die spontane, situationsgebundene Freude. Der Baum erreicht sein Ziel, aber auf einem völlig unvorhergesehenen, irrealen Weg. Sein Gleichmut ("war dabei piep-egal") macht ihn zum eigentlichen Weisen der Geschichte.
Stimmung des Gedichts
Das Werk erzeugt eine vielschichtige, zwischen den Strophen changierende Stimmung. Es beginnt mit hoffnungsvoller Naivität, schwenkt dann um in eine fast schon schnoddrige Darstellung von Brutalität und Verwertungslogik. Die Mitte des Gedichts ist geprägt von einer sachlichen, fast resignativen Melancholie. Die finale Strophe hingegen bringt eine überraschende, warmherzige und leicht skurrile Heiterkeit. Insgesamt hinterlässt es beim Leser ein Gefühl des bittersüßen Nachdenkens - ein Lächeln mit einem kritischen Unterton. Es ist weihnachtlich, ohne kitschig zu sein, und gesellschaftskritisch, ohne belehrend zu wirken.
Geeignete Anlässe
Dieses Gedicht eignet sich hervorragend für unkonventionelle Weihnachtsfeiern, bei denen neben Besinnlichkeit auch Raum für humorvolle Reflexion ist. Es passt perfekt zu:
- Erwachsenenadventskaffees oder Weihnachtsfeiern in umweltbewussten oder künstlerischen Kreisen.
- Einer literarischen Adventlesung, die auch moderne und ungewöhnliche Texte präsentieren möchte.
- Als Einstieg oder Diskussionsgrundlage in Gesprächsrunden über nachhaltigen Konsum, Kommerzialisierung der Feiertage oder den Wert von Tradition.
- Familiären Feiern mit älteren Kindern und Jugendlichen, um über die Bedeutung von Weihnachten jenseits des Materiellen ins Gespräch zu kommen.
Zielgruppe
Die primäre Zielgruppe sind Erwachsene und Jugendliche ab etwa zwölf Jahren, die über den Tellerrand klassischer Weihnachtslyrik hinausschauen möchten. Es spricht besonders Menschen an, die eine gewisse Ironie und Gesellschaftskritik zu schätzen wissen, ohne dass die weihnachtliche Grundstimmung verloren geht. Eltern, die ihren Kindern eine etwas andere Weihnachtsgeschichte vorlesen wollen, finden hier ebenso einen Schatz wie Pädagogen, die im Unterricht das Thema "Weihnachten modern" behandeln. Auch für Laienspielgruppen, die nach einem kurzen, aussagekräftigen Stück suchen, bietet der Text hervorragendes Material.
Weniger geeignet für
Von einer Verwendung dieses Gedichts ist in sehr traditionellen, ausschließlich auf Besinnlichkeit und ungebrochene Festtagsfreude ausgerichteten Kreisen abzuraten. Es eignet sich weniger für:
- Sehr formelle oder religiös geprägte Weihnachtsgottesdienste, da der kritische Unterton und die umgangssprachlichen Elemente stören könnten.
- Feiern mit sehr kleinen Kindern (unter 8 Jahren), da die Botschaft von der industriellen Verwertung der Bäume möglicherweise als beunruhigend oder traurig empfunden wird und die ironischen Nuancen nicht verstanden werden.
- Situationen, in denen ausschließlich heitere und unbeschwerte Unterhaltung gewünscht ist, da das Gedicht zum Nachdenken anregt.
Vortrags- und Inszenierungstipps
Um die Wirkung des Gedichts voll zu entfalten, empfehle ich eine abgestufte Vortragsweise. Beginnen Sie mit einer träumerisch-hoffnungsvollen Stimme bei der ersten Strophe. Die zweite Strophe ("Doch dann in einer Juli-Nacht...") sollte mit einem abrupten, fast schroffen Tonwechsel vorgetragen werden, um den gewaltsamen Einschnitt zu betonen. Die Aufzählung der Schicksale (Strophen 3-5) kann sachlich, fast monoton, wie ein Nachrichtensprecher erfolgen, um die Gleichförmigkeit des Verwertungsprozesses zu unterstreichen.
Die letzte Strophe verlangt dann wieder einen warmen, leicht verwunderten und heiteren Tonfall. Besonders die letzte Zeile "... dass grad erst Ende Juli war." sollte mit einem Lächeln in der Stimme und einer kleinen Pause davor gesprochen werden.
Für eine Inszenierung mit mehreren Personen: Zehn Darsteller könnten die Bäume verkörpern. Neun von ihnen werden nach und nach "abgeerntet" und zeigen mit einfachen Requisiten (ein Lattenbrett, ein Ikea-Katalog, ein Spielzeugzug) ihr neues Schicksal. Der zehnte Baum bleibt übrig und wird am Ende von einigen als Kinder gekennzeichneten Darstellern mit improvisiertem Schmuck (bunte Tücher, Papiersterne) geschmückt. Eine einfache Beleuchtung, die von kaltem (für die Verwertungsstrophen) zu warmem Licht (für den Schluss) wechselt, verstärkt die Stimmung.
Abschließende Empfehlung
Wählen Sie dieses Gedicht genau dann, wenn Sie der Weihnachtsfeier eine besondere, unverwechselbare Note verleihen möchten. Es ist die ideale Wahl, wenn Sie bei Ihren Gästen nicht nur ein wohliges Gefühl, sondern auch ein intelligentes Schmunzeln und vielleicht sogar eine anregende Unterhaltung auslösen wollen. Es eignet sich perfekt für den Beginn eines Festes, um die Gedanken in Bewegung zu bringen, oder als pointierter Abschluss eines literarischen Adventnachmittags. "10 kleine Tannenbäume" beweist, dass Weihnachtslyrik zeitgemäß, kritisch und dennoch herzergreifend sein kann - ein Juwel für alle, die das Fest auch einmal aus einer ungewöhnlichen Perspektive betrachten möchten.
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