Das Rehlein

Kategorie: Adventsgedichte

Das Rehlein

Ein Reh stand vor der Tür,
ich glaubte, es wollte zu mir,
ich öffnete ihm das Tor,
nun stand es nicht mehr davor.

Es lief in meinen Garten,
ich musste nicht darauf warten,
ich musste es auch nicht bitten,
es hatte wohl Hunger gelitten.

Im Garten sah es sich nun um,
ich kümmerte mich auch darum,
ihm Futter bereitzustellen.
Das will ich gern erzählen.

Damit es rechtes Futter hat,
fuhr ich den Wagen in die Stadt
und kaufte, was ich laden kann,
und brachte es dem Rehlein dann.

Als ich damit ans Rehlein trat,
mit Heu, Gemüse und Salat,
sah ich sein Blut im Schnee,
das Rehlein hatte weh.

Das Rehlein war am Bein verletzt
und hat mein Futter sehr geschätzt,
nach einem kurzen Aufenthalt
lief es zurück in seinen Wald.

Nach Tagen, als es wieder kam,
da kam es nicht alleine an,
es brachte seine Freunde mit,
weil jedes Rehlein Hunger litt.

Wie auf einem Weihnachtsbild
fand ich vorm Haus das schöne Wild,
es kam zu mir einst im Advent,
und ich hab es sehr gern verwöhnt.
Autor: Vera-Regina aus Österreich

Kurze einleitende Zusammenfassung

Das Gedicht "Das Rehlein" von Vera-Regina entführt Sie in eine besinnliche Winterwelt, in der eine zufällige Begegnung zwischen Mensch und Tier zu einer herzerwärmenden Geschichte der Fürsorge wird. Es erzählt in einfacher, aber eindringlicher Sprache von unerwarteter Gastfreundschaft, verletzlicher Schönheit der Natur und der stillen Freude des Gebens. Die Handlung entwickelt sich von einer überraschenden Tür-Begegnung über eine pflegende Handlung bis hin zu einem fast märchenhaften Finale, das Assoziationen zu weihnachtlicher Nächstenliebe und friedvoller Gemeinschaft weckt.

Ausführliche Interpretation des Gedichts

Das Gedicht lässt sich in drei klar voneinander abgegrenzte Akte unterteilen. Der erste Teil beschreibt die unvermittelte Ankunft des Rehs: "Ein Reh stand vor der Tür". Diese Zeile setzt unmittelbar ein und schafft eine magische Atmosphäre des Überraschenden. Das lyrische Ich handelt instinktiv und öffnet "das Tor", eine Geste der Offenheit, die das scheue Wild erst in den geschützten Bereich des Gartens lockt. Die Motivation des Rehs wird einfühlsam vermutet - "es hatte wohl Hunger gelitten" - was bereits eine empathische Verbindung herstellt.

Der zweite Akt dreht sich um die aktive Fürsorge. Der Erzähler unternimmt eine regelrechte Einkaufsfahrt ("fuhr ich den Wagen in die Stadt"), um dem Gast das beste Futter zu bieten. Diese alltägliche, aber hingebungsvolle Handlung wird jäh unterbrochen durch die Entdeckung der Verletzung: "sah ich sein Blut im Schnee". Dieser Kontrast von weißem Schnee und rotem Blut ist ein starkes visuelles Bild, das die Verletzlichkeit des Tieres und die Tiefe seiner Not unterstreicht. Die Hilfe wird dennoch angenommen, und das Reh zeigt Dankbarkeit ("hat mein Futter sehr geschätzt"), bevor es in seinen natürlichen Lebensraum zurückkehrt.

Die dritte Strophe kulminiert in einem versöhnlichen und weihnachtlich anmutenden Höhepunkt. Das Reh kehrt nicht allein zurück, sondern "brachte seine Freunde mit". Diese Szene wird explizit mit einem "Weihnachtsbild" verglichen und verwandelt das heimische Grundstück in eine idyllische, friedvolle Szenerie. Der letzte Vers "und ich hab es sehr gern verwöhnt" fasst die gesamte Handlung zusammen: Es geht nicht um Pflicht, sondern um die freudige Bereitschaft zu helfen, eine zutiefst menschliche und saisonal passende Regung.

Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?

"Das Rehlein" erzeugt eine vielschichtige, grundsätzlich aber warme und zu Herzen gehende Stimmung. Einleitend herrscht eine Aura der leisen Überraschung und zarten Magie, wie sie oft in Wintermärchen vorkommt. Diese weicht einer Stimmung mitfühlender Sorge und tatkräftiger Hilfsbereitschaft, als die Verletzung des Tieres offenbar wird. Die Beschreibung der Einkaufsfahrt vermittelt dabei eine behagliche Alltäglichkeit. Der finale Auftritt der Rehgruppe löst dann eine fast feierliche, friedvolle und tief beglückende Atmosphäre aus, die stark an die Ideale der Weihnachtszeit - Frieden, Gastfreundschaft und uneigennütziges Geben - erinnert. Eine leise Melancholie schwingt lediglich im Moment der Verletzung mit, wird aber durch den positiven Ausgang überwunden.

Für welche Anlässe eignet sich das Gedicht besonders?

Dieses Gedicht ist ein wahrer Geheimtipp für verschiedene festliche und besinnliche Momente. Sein natürlicher Platz ist natürlich die Advents- und Weihnachtszeit, sei es für eine gemütliche Vorleserunde am Kamin, als Beitrag im Rahmen einer Familienfeier oder zur Einstimmung auf den Heiligabend. Es passt hervorragend zu tierbezogenen Feiern oder Themenabenden, etwa in Natur- oder Tierschutzvereinen. Aufgrund seiner erzählenden und bildhaften Sprache eignet es sich auch ausgezeichnet für kleine szenische Darbietungen in Kindergarten oder Grundschule. Selbst für eine besinnliche Andacht oder einen Gottesdienst in der kalten Jahreszeit, in dem es um Nächstenliebe und Mitgefühl geht, bietet es einen sehr zugänglichen und berührenden Text.

Für wen bzw. für welche Altersgruppe eignet sich das Gedicht?

Die klare Sprache und die lineare, fabelähnliche Erzählstruktur machen "Das Rehlein" zu einem perfekten Gedicht für Kinder im Vor- und Grundschulalter (etwa 4 bis 10 Jahre). Sie können der Handlung leicht folgen und werden von der Tiergeschichte emotional angesprochen. Darüber hinaus spricht es aber auch Erwachsene an, die einen unprätentiösen, herzlichen Text zu schätzen wissen, der fernab von komplizierter Lyrik eine einfache Botschaft der Güte transportiert. Es ist somit ein generationenübergreifendes Gedicht, das Jung und Alt gemeinsam genießen können.

Für wen eignet sich das Gedicht weniger?

Leser, die nach komplexer, metaphorisch aufgeladener oder gesellschaftskritischer Lyrik suchen, werden in diesem Werk nicht fündig. Es verzichtet bewusst auf tiefgründige Deutungsebenen und rhythmische oder reimtechnische Experimente. Für einen sehr formalistischen literarischen Vortragswettbewerb oder einen akademischen Lyrikkreis könnte das Gedicht aufgrund seiner schlichten Machart als zu simpel empfunden werden. Ebenso ist es für eine laute, ausgelassene Feier weniger geeignet, da seine Wirkung in der ruhigen, nachdenklichen Vermittlung liegt.

Vortrags- und Inszenierungstipps

Um "Das Rehlein" wirkungsvoll vorzutragen, sollten Sie auf eine ruhige, erzählende Stimme setzen. Sprechen Sie langsam und deutlich, um die Bilder im Kopf der Zuhörer entstehen zu lassen. Setzen Sie gezielt Pausen ein: nach der ersten überraschenden Begegnung, bei der Entdeckung des Blutes im Schnee und besonders vor dem finalen Wiederkommen der Rehgruppe. Die Stimmung kann durch passende Untermalung verstärkt werden - leise Wald- oder Winterklänge im Hintergrund, vielleicht ein Glockenklingen beim Weihnachtsbild-Vergleich. Für eine szenische Lesung mit Kindern können einfache Verwandlungselemente wie ein weißes Tuch als Schnee, eine rote Schleife für das Blut oder selbstgebastelte Reh-Ohren den Vortrag lebendig machen. Der Schlussvers sollte mit einem warmen, zufriedenen Lächeln und einer weichen Stimme gesprochen werden.

Abschließende Empfehlung

Wählen Sie dieses Gedicht genau dann, wenn Sie einen Moment der unaufdringlichen Besinnlichkeit schaffen möchten. Es ist die ideale Wahl für einen ruhigen Dezember-Nachmittag im Kreis der Familie, wenn die Hektik des Alltags draußen bleiben soll. Nutzen Sie es als kleines, emotionales Highlight im Rahmen einer Weihnachtsfeier, bevor die Geschenke ausgepackt werden, oder als Gutenachtgeschichte für Kinder in der Adventszeit. "Das Rehlein" ist kein lautes, sondern ein leises Gedicht, das seine Kraft aus der Schilderung einer einfachen guten Tat bezieht. Es erinnert uns daran, dass die wahre Weihnachtsmagie oft in den kleinen, unerwarteten Begegnungen und unserer Bereitschaft, zu helfen, liegt. Für einen solchen Moment ist es unübertroffen schön.

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