Dezembermorgen

Kategorie: Adventsgedichte

Dezembermorgen

Grauer Schneematsch, nasse Straßen,
Rote Ohren, feuchte Nasen,
Ein kalter, nasser Dezembermorgen,
Und ich muss den Weihnachtsbaum besorgen.

Ich stehe am Fenster und starre hinaus,
Ich schau auf den alten Zaun vor dem Haus,
Und inmitten des Zaunes entsteht ein Tor,
Erinnerungen quellen daraus hervor.

Ich höre Kinderstimmen rufen,
Ich sehe Schlitten mit blanken Kufen,
Da ist noch ein gefrorener See,
Und meine Stiefel knirschen im Schnee.

Mir fallen die Namen der Freunde ein,
Hans Suffner, Robert, Harald, Hein,
Wir hatten eine Höhle im Wald,
Kein Wintertag war uns je zu kalt.

Der Weg nie zu weit, der Schnee nie zu tief,
Und wenn der Frost in die Nasen kniff,
Dann haben wir heimlich vom Schnaps getrunken,
Den wir ganz zufällig mal gefunden.

Wir haben Geschichten erzählt und gesponnen,
Wir haben ganze Welten ersonnen.
Die Rollen geprobt, für das Weihnachtsspiel.
Weihnacht - das war noch ein großes Gefühl.

Damals war das mir viel mehr, als nur - Schenken -
Es erfüllte mein ganzes Knabendenken.
Ich weiß nicht, wie mir das verloren ging,
Woran doch einst meine Seele so hing.

Ich stehe am Fenster und starre hinaus,
Ich schau auf den alten Zaun vor dem Haus,
Ganz sanft entlässt mich mein kleiner Traum,
Jetzt freue ich mich auf den Weihnachtsbaum.
Autor: Lothar Geisler

Kurze einleitende Zusammenfassung

Das Gedicht "Dezembermorgen" von Lothar Geisler fängt den Zauber und zugleich die Melancholie der Adventszeit auf einzigartige Weise ein. Es beginnt mit einer schlichten, fast unwirtlichen Alltagsszene - der Autor muss bei grauem Wetter den Weihnachtsbaum holen. Doch aus dieser Gegenwart entspinnt sich durch ein plötzliches Tor in der Erinnerung eine lebendige Reise in die Kindheit, voller Schneeabenteuer, Freundschaft und unverfälschter Weihnachtsfreude. Die Wirkung des Gedichts liegt in diesem sanften Kontrast: Es erinnert den Leser an die tiefe, sinnliche Magie des Festes in der Jugend und fragt behutsam, wo sie im Erwachsenenleben geblieben ist, um schließlich mit einem versöhnlichen, leichten Hoffnungsschimmer zu enden.

Ausführliche Gedichtinterpretation

Geislers Werk ist mehr als nur eine Weihnachtsbeschreibung; es ist eine feinsinnige Studie über Zeit, Erinnerung und den Verlust von Unschuld. Die ersten vier Zeilen etablieren mit konkreten Sinneseindrücken - "Grauer Schneematsch", "feuchte Nasen" - eine realistische, wenig verklärte Gegenwart. Der "alte Zaun vor dem Haus" wird dann zum zentralen Symbol: Er markiert eine Grenze, die plötzlich durchbrochen wird. Das "Tor", das "inmitten des Zaunes entsteht", ist das Portal der Erinnerung.

Die folgenden Strophen tauchen tief in die Vergangenheit ein. Die Bilder sind lebendig und konkret: "Schlitten mit blanken Kufen", "gefrorener See", das Knirschen der Stiefel. Die Namensnennung der Freunde - Hans Suffner, Robert, Harald, Hein - verleiht der Szene Authentizität und persönliche Tiefe. Es sind keine idealisierten Kinderszenen, sondern solche mit kleinen Rebellionen ("heimlich vom Schnaps getrunken") und intensivem, gemeinsamen Spiel ("ganze Welten ersonnen"). Die Vorbereitung auf das "Weihnachtsspiel" steht im Zentrum dieser Erinnerung, nicht die Geschenke. Hier wird der Kern der Aussage deutlich: "Weihnacht - das war noch ein großes Gefühl", ein umfassendes, identitätsstiftendes Erlebnis.

Der melancholische Wendepunkt kommt mit der Frage: "Ich weiß nicht, wie mir das verloren ging". Der Autor reflektiert den stillen Abschied von dieser intensiven Empfindsamkeit. Die letzte Strophe kehrt zum Ausgangspunkt zurück. Der "kleine Traum" entlässt ihn "ganz sanft", nicht abrupt oder schmerzhaft. Die Schlusszeile "Jetzt freue ich mich auf den Weihnachtsbaum" wirkt wie eine bewusste Entscheidung, die Freude der Gegenwart, wenn auch vielleicht eine andere, neu zu entdecken. Der Kreis schließt sich, aber die Perspektive hat sich durch die Reise in die Vergangenheit verändert.

Stimmung des Gedichts

Das Gedicht erzeugt eine komplexe, mehrschichtige Stimmung. Es beginnt mit einer leicht gedrückten, nüchternen Atmosphäre, die von der Tristesse eines nasskalten Dezembertages geprägt ist. Sobald die Erinnerung einsetzt, schwingt es um in eine warme, nostalgiereiche und lebhafte Stimmung voller Unbeschwertheit und Abenteuerlust. Diese Heiterkeit wird jedoch stets von einem leisen, untergründigen Ton der Wehmut begleitet, dem Wissen, dass diese Zeit unwiederbringlich vergangen ist. Die finale Stimmung ist eine Mischung aus sanfter Melancholie und einem entschlossenen, leisen Optimismus - eine ruhige Annahme der Gegenwart, die durch die Erinnerung bereichert und etwas erhellt wurde.

Geeignete Anlässe

Dieses Gedicht eignet sich hervorragend für besinnliche Momente in der Adventszeit, die über das rein Festliche hinausgehen. Es passt perfekt zu einem gemütlichen Nachmittag oder Abend in der Vorweihnachtszeit, an dem man innezuhalten und über die eigene Kindheit nachzudenken wünscht. Es ist eine ausgezeichnete Wahl für Weihnachtsfeiern im Kreise der Familie oder enger Freunde, besonders wenn mehrere Generationen anwesend sind, da es zu Gesprächen über frühere Weihnachten anregen kann. Auch für literarische Adventsrunden oder besinnliche Stunden in Seniorenkreisen bietet es einen wunderbaren, anregenden Text, der viele persönliche Erinnerungen weckt.

Zielgruppe und Alter

Die primäre Zielgruppe sind Erwachsene, insbesondere Menschen in der Lebensmitte und ältere Semester, die über einen reichen Schatz an eigenen Erinnerungen verfügen, auf den das Gedicht direkt anspielt. Es findet jedoch auch bei jungen Erwachsenen Resonanz, die vielleicht selbst den Übergang vom intensiven Kindheitserleben zur nüchterneren Erwachsenenperspektive reflektieren. Durch die sehr konkreten und lebendigen Schilderungen der Kinderspiele und Abenteuer spricht das Werk zudem Jugendliche an, die so einen Einblick in eine vielleicht unbekannte, analoge Kindheitswelt erhalten können.

Weniger geeignet für

Weniger geeignet ist das Gedicht für rein festliche, ausschließlich heitere Anlässe, bei denen eine ungebrochen fröhliche und beschwingte Stimmung im Vordergrund stehen soll. Seine nachdenkliche und reflexive Grundhaltung könnte bei sehr kleinen Kindern, die noch mitten in der beschriebenen magischen Phase stecken, auf Unverständnis stoßen. Ebenso passt es weniger zu lauten, geselligen Feiern, wo seine feinen Nuancen und die ruhige Erzählhaltung leicht untergehen würden. Wer ein kurzes, knappes und nur jubelndes Weihnachtsgedicht sucht, wird hier nicht fündig.

Vortrags- und Inszenierungstipps

Für einen wirkungsvollen Vortrag sollten Sie den deutlichen Stimmungswechsel zwischen Gegenwart und Vergangenheit betonen. Lesen Sie die ersten und die letzten beiden Strophen in einem ruhigen, etwas zurückgenommenen, nachdenklichen Ton. Sobald das "Tor" in der Erinnerung aufgeht, kann die Stimme lebendiger, wärmer und schneller werden, fast erzählend, als ob Sie eine spannende Geschichte berichten. Bei den Kinderszenen mit den Freunden darf ein leichtes Lächeln mitschwingen. Machen Sie vor der Zeile "Ich weiß nicht, wie mir das verloren ging" eine kleine, bedeutungsvolle Pause, um den melancholischen Einschnitt zu unterstreichen.

Für eine Inszenierung in einer Gruppe könnten Sie die Gegenwartsparts von einer Person (dem Erwachsenen) und die Erinnerungsparts von mehreren anderen (als die Kinderstimmen) sprechen lassen. Eine dezente musikalische Untermalung mit einzelnen Klavier- oder Glockentönen zu Beginn und beim Übergang in die Erinnerung kann die Stimmung unterstreichen. Stellen Sie sich beim Vortragen vor ein Fenster oder visualisieren Sie den "alten Zaun" - diese räumliche Verankerung hilft Ihnen und dem Publikum, in die Welt des Gedichts einzutauchen.

Abschließende Empfehlung

Wählen Sie dieses Gedicht genau dann, wenn Sie in der Hektik der Vorweihnachtszeit einen Moment der echten Besinnung schaffen möchten. Es ist der ideale Text für den dritten oder vierten Advent, wenn die erste festliche Aufregung sich gelegt hat und Raum für persönliche Reflexion entsteht. Lesen Sie es bei einem Familientreffen, bei dem Großeltern, Eltern und Kinder zusammenkommen - es wird garantiert Erzählungen auslösen. Nutzen Sie es auch für sich selbst an einem stillen Dezemberabend, um innezuhalten und Ihre eigenen "Tore" in der Erinnerung zu öffnen. Lothar Geislers "Dezembermorgen" ist kein lautes, sondern ein zutiefst ehrliches und tröstliches Gedicht, das die komplexe Schönheit der Weihnachtszeit im Herzen eines Erwachsenen einfängt.

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