Euch zu wünschen

Kategorie: Adventsgedichte

Euch zu wünschen

Und wieder sinkt hernieder,
die Hand matt auf's Papier.
Wie sollte, treu und bieder,
sie alle Jahre wieder,
sich freuen, in Manier?

Dummheit bekriegt mit Frust
brutal verpeilt die Welt;
wer hätte da denn Lust,
zu schlagen an die Brust:
"Herr Gott, wie's dir gefällt"?

Advent ist eingefallen;
mir fällt dazu nichts ein.
Was wünsche ich nun allen,
die sich an Wohlstand krallen,
als ging es um ihr "Sein"?

Ich wünsche euch den Frieden!
Dass ihr nach ihm nur strebt;
und künftig ihr hienieden,
mit dem, was euch beschieden,
mal ohne Wünsche lebt!
Autor: Elisabeth Heckert

Kurze einleitende Zusammenfassung

Elisabeth Heckerts Gedicht "Euch zu wünschen" wirkt wie ein erfrischend ehrlicher Gegenentwurf zur alljährlichen Weihnachtshektik. Es beginnt mit einer Geste der Erschöpfung - die müde Hand auf dem Papier - und entwickelt sich zu einer tiefgründigen Reflexion über den Sinn des Wünschens in einer als chaotisch empfundenen Welt. Statt oberflächlicher Festtagsfreude bietet es einen nachdenklichen Appell für inneren Frieden und Genügsamkeit. Dieser ungewöhnliche Weihnachtsgruß fordert den Leser auf, über die wahre Bedeutung des Festes jenseits von materiellen Wünschen und gesellschaftlichen Erwartungen nachzudenken.

Ausführliche Gedichtinterpretation

Das Gedicht gliedert sich in vier klar voneinander abgegrenzte Strophen, die eine gedankliche Entwicklung vom Zweifel zur klaren Aussage vollziehen. Die erste Strophe beschreibt die Schreibblockade der lyrischen Ich-Figur. Die Formulierung "in Manier" deutet kritisch auf erzwungene, routinierte Festtagsrituale hin. Die erwartete Freude will sich nicht einstellen.

Die zweite Strophe begründet diese Distanz mit einem düsteren Weltbild: "Dummheit" und "Frust" regieren "brutal verpeilt". Die Anspielung auf das christliche Gebet "Herr Gott, wie's dir gefällt" aus dem "Vaterunser" wird hier ironisch gebrochen. Wer könnte angesichts des Weltzustands noch so fromm resignieren? Diese Strophe verankert das Gedicht fest in der Gegenwart und ihren Konflikten.

In der dritten Strophe kommt der Advent zwar kalendarisch, aber nicht emotional an. Die direkte Ansprache derer, "die sich an Wohlstand krallen", stellt eine scharfe Gesellschaftskritik dar. Der Wohlstand wird hier als falscher Lebensinhalt, als Ersatz für das "Sein" entlarvt.

Die vierte und letzte Strophe bietet die überraschende Lösung. Der Wunsch nach "Frieden" ist nicht als äußerer, politischer Friede gemeint, sondern als innere Haltung, nach der man "strebt". Die Pointe und der eigentliche Wunsch liegt in der letzten Zeile: "mal ohne Wünsche lebt!" Dies ist eine Aufforderung zur Zufriedenheit mit dem, was einem "beschieden" ist, und ein radikaler Gegenentwurf zur konsumorientierten Weihnachtszeit.

Stimmung des Gedichts

Die Grundstimmung ist eine Mischung aus nachdenklicher Melancholie, milder Resignation und aufkeimender Hoffnung. Es beginnt mit einer fast ermüdeten, skeptischen Atmosphäre ("Hand matt", "fällt dazu nichts ein"), die durch die schroffe Beschreibung der Welt ("brutal verpeilt") eine Note der Verbitterung erhält. Diese düstere Stimmung hellt sich jedoch in der Schlussstrophe merklich auf. Der Ton wird direkter, klarer und mündet in einen fast weisen, ruhigen Appell. Die finale Strophe erzeugt somit eine Stimmung der besonnenen Klarheit und inneren Ruhe, die einen Kontrast zum turbulenten Beginn bildet.

Geeignete Anlässe

Dieses Gedicht eignet sich hervorragend für alle Anlässe, bei denen es um mehr geht als um bloße Festtagsfolklore. Es ist ein perfekter Beitrag für besinnliche Advents- oder Weihnachtsfeiern in kleinerem, reflektiertem Kreis, etwa bei einem literarischen Adventskaffee oder im Rahmen eines Gottesdienstes, der sich mit gesellschaftskritischen Themen auseinandersetzt. Auch für den persönlichen Weihnachtsgruß an Menschen, die selbst eine gewisse Distanz zur kommerziellen Weihnachtsmaschinerie pflegen, ist es eine außergewöhnliche und sehr persönliche Botschaft. Darüber hinaus bietet es einen ausgezeichneten Diskussionsimpuls für Gesprächsrunden über die wahre Bedeutung des Festes.

Zielgruppe

Das Gedicht spricht in erster Linie erwachsene Leser an, die bereits über einige Lebenserfahrung verfügen. Ideal ist es für Menschen in der Lebensmitte und im fortgeschrittenen Alter, die die Diskrepanz zwischen weihnachtlichem Ideal und realer Welt erlebt haben und nach einer authentischen, nicht sentimentalen Ausdrucksform dafür suchen. Es eignet sich ebenfalls für literarisch interessierte Jugendliche und junge Erwachsene, die sich mit gesellschaftskritischen Positionen identifizieren können und nach einer Alternative zu klischeehaften Weihnachtsgedichten suchen.

Weniger geeignet für

Weniger geeignet ist das Gedicht für rein festliche, unbedarft fröhliche Anlässe wie eine Kinder-Weihnachtsfeier oder eine Party, bei der ausschließlich heitere Unterhaltung im Vordergrund steht. Aufgrund seiner kritischen und nachdenklichen Tonalität könnte es in solchem Umfeld als dissonant oder "zu schwer" empfunden werden. Auch für Leser, die ausschließlich traditionelle, ungebrochen positive und religiös gefärbte Weihnachtslyrik erwarten, könnte der ironische und zweifelnde Unterton befremdlich wirken.

Vortrags- und Inszenierungstipps

Für einen wirkungsvollen Vortrag sollten Sie den gedanklichen Bruch zwischen den Strophen deutlich machen. Lesen Sie die ersten drei Strophen mit einer zurückhaltenden, fast müden Stimme, die in der Beschreibung der "brutal verpeilten" Welt eine kurze Spitze der Verachtung oder des Sarkasmus erhält. Machen Sie vor der letzten Strophe eine bewusste, kurze Pause. Den finalen Wunsch "Ich wünsche euch den Frieden!" sollten Sie dann mit völlig verändertem, klarem und ruhig überzeugtem Ton sprechen. Die letzten Zeilen, besonders "ohne Wünsche lebt!", verdienen eine besondere Betonung - nicht laut, sondern mit nachhaltiger, weiser Ruhe.

Für eine szenische Lesung könnten Sie mit einer einfachen Kerze arbeiten, die zu Beginn nicht oder nur schwach brennt und mit der letzten Strophe heller entfacht wird. Eine musikalische Untermalung wäre kontraproduktiv, da sie die Schlichtheit und Direktheit des Textes überdecken würde. Die Wirkung liegt in der nackten Sprache.

Abschließende Empfehlung

Wählen Sie dieses Gedicht genau dann, wenn Sie mit Ihrem Weihnachtsgruß aus der Reihe tanzen und Tiefe statt Oberfläche bieten möchten. Es ist die ideale literarische Ergänzung, wenn Sie sich nach einem anstrengenden Jahr oder in persönlich schwierigen Zeiten nicht zu unbeschwerter Heiterkeit zwingen können oder wollen, aber dennoch eine herzliche und ehrliche Botschaft senden möchten. Nutzen Sie es, um Gespräche anzuregen, zum Innehalten zu ermuntern und zu zeigen, dass Weihnachten auch ein Fest der ehrlichen Reflexion und der wahren, inneren Besinnung sein kann. Es ist ein Gedicht für die stillen Momente zwischen all dem Trubel.

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