Vor Weihnachten

Kategorie: Adventsgedichte

Vor Weihnachten

Die Kindlein sitzentrale im Zimmer
Weihnachten ist nicht mehr weit, bei trauulichem Lampenschimmer,
Und jubeln es schneit, es schneit.

Das leichte Flocken Gewimmel es schwebt durch die dämmerte Nacht,
herunter vom hohen Himmel,
am Fenster vorüber so sacht.

Und wo ein Flöckchen im Tanze den Scheiben vorüberschweift da schimmerts im silbernen Ganze vom Lichtern der Lampe gestreift.

Die Kindlein sehn's mit Frohlocken
Sie drängen ans Fenster sich dicht, sie verfolgen die silbernen Flocken,
Die Mutter lächelt undie spricht:

Wisst, Kinder, die Englein schneidern im Himmel jetzt Früh und spät,
An Puppendecken und Kleidern,
Wird auf Weihnachten genäht.

Da fällt von Säckchen und Röckchen
manch silberner Flitter beiseit,
Von Bettchen manch Federflöckchen
auf Erden sagt man es schneit.

Und seit ihr recht lieben und vernünftig,
Wird schönes für euch auch bestellt,
Wer weiß was schönes euch künftig,
vom Tische der Engelein fällt.

Die Mutter spricht, vor entzücken
Den kleinen das Herze da lacht.
Sie schaun mit seligen Blicken,
Hinaus in die zaubrische Nacht.
Autor: Karl van Gerok

Ausführliche Interpretation des Gedichts

Das Gedicht "Die Kindlein sitzentrale im Zimmer" entführt Sie in eine innige, vorweihnachtliche Szenerie. Es schildert den Moment, in dem Kinder beim Lampenschein den ersten Schneefall des Winters beobachten. Die Interpretation erschließt sich in mehreren Schichten. Oberflächlich betrachtet handelt es sich um eine liebevolle Schilderung kindlicher Vorfreude. Die fallenden Flocken werden jedoch von der Mutter in eine wunderbare Erklärung eingebettet: Es seien die Engel im Himmel, die emsig Puppenkleider und Bettdecken für Weihnachten nähen, wobei die herabfallenden Flitter und Federchen als Schnee auf die Erde rieseln. Diese metaphorische Deutung verbindet das natürliche Phänomen des Schneefalls unmittelbar mit der magischen Vorbereitung des Festes. Das Gedicht ersetzt also eine rationale Erklärung durch einen poetischen Mythos, der die kindliche Fantasie anspricht und die Wartezeit auf Weihnachten verzaubert. Die wiederkehrenden Motive des Lichts (Lampenschimmer, silbernes Ganze) und der sanften Bewegung (schwebt, sacht, schweift) unterstreichen die friedvolle, erwartungsvolle Atmosphäre. Der abschließende Blick der Kinder "in die zaubrische Nacht" zeigt, wie vollkommen sie diese Erzählung angenommen haben und die Welt nun mit neuen, wundersamen Augen sehen.

Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?

Das Werk erzeugt eine überwiegend friedvolle, staunende und herzerwärmende Stimmung. Es ist getragen von einer tiefen Geborgenheit, die vom "traulichen Lampenschimmer" im Zimmer ausgeht. Die kindliche Freude ("jubeln", "Frohlocken") ist ansteckend und ungetrübt. Zugleich transportiert das Gedicht ein Gefühl des zaubrischen Wartens und der hoffnungsvollen Vorfreude. Die Mutter vermittelt mit ihrer Engel-Geschichte keine moralische Belehrung, sondern ein verspieltes Geheimnis, was die Stimmung zusätzlich auflockert und charmant macht. Die ruhigen, beschreibenden Verse und das Bild der schweigend lächelnden Mutter verleihen der Szene eine fast andächtige Ruhe, die typisch für besinnliche Adventsstunden ist. Es ist eine Stimmung, die Nostalgie weckt und gleichzeitig die einfachen Wunder der Vorweihnachtszeit feiert.

Für welchen Anlass eignet sich das Gedicht?

Dieses Gedicht ist vielseitig einsetzbar und passt perfekt zu verschiedenen Gelegenheiten in der Adventszeit. Besonders geeignet ist es für:

  • Gemütliche Advents- oder Nikolausfeiern im Familienkreis, bei denen Kinder anwesend sind.
  • Als vorweihnachtliche Gutenachtgeschichte oder kleine Lesung am Adventskalendertürchen.
  • Den Adventskaffee oder -tee in geselliger Runde, um eine besinnliche Note zu setzen.
  • Die Gestaltung einer persönlichen Weihnachtskarte, besonders wenn ein Foto von spielenden Kindern im Schnee beigelegt wird.
  • Als Einstieg oder Beitrag in einem kindgerechten Gottesdienst oder einer Krippenfeier in der Adventszeit.

Es eignet sich weniger für den formellen Teil des Heiligabends selbst, sondern eher für die stimmungsvolle Vorbereitung und das Warten auf das Fest.

Für welche Altersgruppe eignet sich das Gedicht?

Primär spricht das Gedicht Kinder im Vor- und Grundschulalter (ca. 4-10 Jahre) unmittelbar an. Die beschriebene Situation - das Staunen über den Schnee - ist ihnen vertraut, und die fantasievolle Erklärung der Mutter entspricht genau ihrem magischen Weltverständnis. Die einfache, bildhafte Sprache ist gut verständlich. Zweitens richtet es sich an Eltern, Großeltern und Erwachsene, die entweder selbst vorlesen oder sich an die eigene Kindheit erinnern möchten. Für sie liegt der Reiz in der liebevollen Darstellung der Kinderseele und der tröstenden Botschaft, dass in der Hektik der Vorweihnachtszeit solche kleinen, zauberhaften Momente den eigentlichen Zauber ausmachen. Auch Senioren schätzen oft diese Art von traditioneller, gefühlvoller Lyrik, die Heimat- und Kindheitsgefühle weckt.

Für wen eignet sich das Gedicht weniger?

Trotz seiner Vielseitigkeit gibt es Zielgruppen, für die dieses Gedicht weniger passend sein könnte:

  • Jugendliche in der Pubertät: Die sehr kindliche, von Engeln geprägte Perspektive könnte von ihnen als "kitschig" oder "babyhaft" empfunden werden, da sie sich oft von solchen Darstellungen abgrenzen möchten.
  • Sehr rationale oder naturwissenschaftlich orientierte Zuhörer: Für Personen, die keine poetischen Umschreibungen schätzen, könnte die Engel-als-Schneemacher-Erklärung als zu unrealistisch und verniedlichend wirken.
  • Feiern mit ausschließlich erwachsenem, formellem Charakter: Bei einem festlichen Business-Christmas-Dinner oder einer sehr traditionell-theologischen Weihnachtsfeier fehlt dem Gedicht möglicherweise die gewünschte Tiefe oder Ernsthaftigkeit.
  • Menschen, die keine winterliche/weiße Weihnacht kennen: Die zentrale Schnee-Metapher verliert für ein Publikum aus Regionen ohne Schneefall im Dezember eventuell einen Teil ihrer unmittelbaren Bildkraft.

Wie lang dauert der Vortrag?

Die Dauer des Vortrags ist für die Planung Ihrer Feier entscheidend. Bei einem mittleren, bedachten Sprechtempo, das der besinnlichen Stimmung des Textes angemessen ist, beträgt die reine Vorlesezeit des Gedichts etwa 60 bis 75 Sekunden. Planen Sie für eine gelungene Darbietung ruhig etwas mehr Zeit ein. Wenn Sie das Gedicht mit einer kurzen persönlichen Einleitung (z.B. "Das folgende Gedicht erinnert mich immer an die Vorfreude in meiner Kindheit...") oder einem abschließenden Kommentar versehen möchten, sollten Sie insgesamt etwa 2 Minuten veranschlagen. Diese kompakte Länge macht es zu einem idealen, unaufdringlichen Programmpunkt, der die Stimmung einfängt, ohne die Aufmerksamkeitsspanne der jüngsten Zuhörer zu überfordern.

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