Moderne Weihnacht

Kategorie: Adventsgedichte

Moderne Weihnacht

Der Mensch heut´, der sich zum Schöpfer kürt.
Wird von sich und Naturgewalten vorgeführt!
Er hat vor Zeiten diesen Leu geweckt
Daher er jetzt in Krisen steckt.
Bescheidenheit, Mäßigung sind nicht gefragt
Katastrophen deshalb angesagt.
Entgrenzung brachte das in Fahrt,
Was heute unselige Gegenwart.

Was kann, was soll die Menschen retten?
Muß man die Entgrenzten am Kreuz anketten?

In unsrer Jugend war die Welt
Einfacher, bescheidener eingestellt.
Ich gedenk´ uns Kindern frohe Mienen,
In Erwartung, vom Lichterglanz beschienen;
Und waren die Gaben noch so klein,
Es strahlte der heil´ge Christ darein.

Ich höre Kirchenglocken klingen,
Erinnere kindlich frohes Singen;
Ein Zauber ferner Zeit kommt wieder
In Melodien frommer Kinderlieder.

Weihnacht zeigt mit Gott und Christ,
Dass der/das Kleinste hier das Größte ist!
Weihnacht mit kindlichen Augen sehen
Und dabei den heil´gen Sinn verstehen!

Ein Stern der Sehnsucht scheint durch die Nacht,
Bringt Licht und Hoffnung uns ganz sacht
Das jeden der´s mag ganz lieb betört,
Wenn er die Weihnachts-Botschaft hört.

Wir wandern durch Pole von Freud und Leid;
Durch die Zeit, geführt zur Ewigkeit.

Also: Was wünsch ich mir in dieser Zeit?
Viel Liebe – und dann: daß es an Weihnacht schneit!
Autor: Karl Schöler

Kurze einleitende Zusammenfassung

Karl Schölers "Moderne Weihnacht" ist ein Gedicht, das einen kraftvollen Kontrast zwischen zeitkritischer Reflexion und nostalgischer Innigkeit aufbaut. Es wirkt zunächst wie ein mahnender Spiegel unserer von Hybris und Krisen geprägten Gegenwart, um dann in eine tief empfindsame Erinnerung an die besinnlichen Wurzeln des Festes überzugehen. Diese Spannung macht den Text besonders fesselnd: Er bietet nicht nur weihnachtliche Stimmung, sondern auch gedankliche Tiefe und regt zu einer persönlichen Standortbestimmung an.

Ausführliche Interpretation

Das Gedicht gliedert sich klar in drei gedankliche Abschnitte. Die ersten acht Zeilen fungieren als scharfe Zeitdiagnose. Begriffe wie "Schöpfer kürt", "Entgrenzung" und "Naturgewalten" verweisen auf den menschlichen Größenwahn, der technologischen Fortschritt ohne ethische Besinnung sucht. Das Bild des geweckten "Leu" (Löwen) symbolisiert die unkontrollierbaren Kräfte, die der Mensch entfesselt hat und die nun als Krisen auf ihn zurückfallen. Es ist eine fundamentale Kritik an Maßlosigkeit und dem Verlust von Demut.

Der zweite Teil, beginnend mit "In unsrer Jugend war die Welt", stellt den ersehnten Gegenentwurf dar. Hier dominieren Bilder der Einfachheit, des echten Staunens und eines spirituell verankerten Festes. Die "frohen Mienen" der Kinder, der "Lichterglanz" und die Betonung, dass selbst kleine Gaben durch den "heil'gen Christ" verklärt werden, zeichnen ein Idealbild von Weihnachten als Fest des Herzens, nicht der Materie. Die Kirchenglocken und "frommen Kinderlieder" beschwören eine gemeinschaftliche, gläubige Atmosphäre.

Die letzten Strophen münden in die eigentliche Weihnachtsbotschaft. Die Zeile "Weihnacht zeigt mit Gott und Christ, / Dass der/das Kleinste hier das Größte ist!" fasst das christliche Paradoxon der Menschwerdung Gottes prägnant zusammen. Die Aufforderung, das Fest "mit kindlichen Augen" zu sehen, ist kein Plädoyer für Naivität, sondern für eine Haltung des Vertrauens und der Offenheit für das Wunderbare. Der "Stern der Sehnsucht" und die "Wanderung durch Pole von Freud und Leid" verorten das Weihnachtsgeschehen schließlich im großen menschlichen Lebenszyklus, der in der Ewigkeit Gottes seinen Sinn findet. Der schlichte persönliche Wunsch nach Liebe und Schnee am Ende wirkt wie ein versöhnliches, menschliches Ankommen nach der gedanklichen Reise.

Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?

Das Werk erzeugt eine vielschichtige, bewegende Stimmung. Es beginnt mit düsterer, fast apokalyptischer Ernsthaftigkeit und einer spürbaren Anklage. Diese weicht einer warmen, wehmütig-schönen Nostalgie, die beim Leser eigene Kindheitserinnerungen wachrufen kann. Aus dieser Rückschau entwickelt sich eine hoffnungsvolle, ruhige und zuversichtliche Grundstimmung. Die finale Mischung aus tiefer Spiritualität und einfachem, persönlichem Wunsch hinterlässt ein Gefühl der Besinnung und des getrösteten Innehaltens.

Für welche Anlässe eignet sich das Gedicht?

Dieses Gedicht eignet sich hervorragend für Anlässe, die über das rein Festliche hinausgehen und Raum für Nachdenklichkeit bieten. Ideal ist es für:

  • Advents- und Weihnachtsfeiern von Gemeindegruppen oder kirchlichen Kreisen, die den religiösen Kern des Festes betonen möchten.
  • Familienfeiern mit erwachsenen Kindern oder zwischen den Generationen, um einen Austausch über veränderte Weihnachtserfahrungen anzuregen.
  • Ruhige Momente im Advent, wie eine besinnliche Adventsandacht oder eine Lesung bei Kerzenschein.
  • Als literarischer Beitrag in einer Seniorenrunde, die die beschriebene Welt der "einfacheren, bescheideneren" Jugend noch selbst erlebt hat.

Für wen bzw. für welche Altersgruppe eignet sich das Gedicht?

Die ideale Zielgruppe sind Erwachsene und vor allem ältere Jugendliche sowie Senioren. Jugendliche und Erwachsene können die gesellschaftskritischen Aspekte und die Suche nach authentischer Spiritualität in einer lauten Welt nachvollziehen. Ältere Menschen werden sich besonders in den nostalgischen Passagen wiederfinden und den Kontrast zur heutigen Hektik wertschätzen. Aufgrund seiner sprachlichen Komplexität und der ernsten ersten Hälfte ist es weniger für kleine Kinder geeignet.

Für wen eignet sich das Gedicht weniger?

Weniger geeignet ist das Gedicht für rein lustige oder unbedarfte Weihnachtsfeiern, die vor allem auf heitere Unterhaltung abzielen. Auch für sehr junge Kinder ist der Text aufgrund der abstrakten Kritik und der reiferen Thematik nicht passend. Menschen, die einen ausschließlich weltlichen, kommerziellen oder rein folkloristischen Zugang zu Weihnachten suchen, könnten mit der deutlichen religiösen Ausrichtung und der mahnenden Grundhaltung der Anfangspassagen wenig anfangen können.

Vortrags- und Inszenierungstipps

Ein gelungener Vortrag sollte den Bruch zwischen den beiden Gedichthälften deutlich machen. Lesen Sie die ersten Zeilen mit klarer, ernster und etwas langsamer Stimme, um das Gewicht der Kritik zu unterstreichen. Bei der Zeile "In unsrer Jugend..." sollte ein spürbarer Wechsel erfolgen: Die Stimme wird weicher, wärmer und träumerischer. Ein leichtes Lächeln und ein Blick in die Runde können hier die Zuhörenden einbeziehen.

Nutzen Sie gezielt Pausen, besonders nach den beiden Fragen ("Was kann, was soll die Menschen retten?..." und "Also: Was wünsch ich mir...?"). Diese laden zum Mitdenken ein. Die letzten vier Zeilen können dann wieder persönlicher und mit einer leichten, hoffnungsvollen Betonung gesprochen werden. Eine einfache musikalische Untermalung mit Glockenklingen oder einem leisen Akkord auf der Gitarre beim Übergang zur nostalgischen Strophe kann die Stimmung wunderbar unterstützen. Verzichten Sie auf aufdringliche Bühneneffekte – die Kraft des Gedichts liegt in seinem Inhalt.

Abschließende Empfehlung

Wählen Sie Karl Schölers "Moderne Weihnacht" genau dann, wenn Sie der Weihnachtsfeier oder der stillen Stunde mehr Tiefe verleihen möchten. Es ist das perfekte Gedicht für einen Abend, an dem nicht nur gelacht und gefeiert, sondern auch gemeinsam innezuhalten und nachzudenken sein soll. Besonders passend ist es in Jahren, in denen man das Gefühl hat, die Hektik und die Krisen der Welt drohen, den Zauber des Festes zu überwuchern. Dieser Text holt die wahre Weihnachtsbotschaft zurück in den Mittelpunkt und verbindet sie auf einzigartige Weise mit einem klugen Blick auf unsere moderne Zeit. Er ist ein Schatz für jeden, der nach dem Sinn hinter den Lichtern sucht.

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