Das Weihnachtsgeschenk

Kategorie: Adventsgedichte

Das Weihnachtsgeschenk

Genau wie in den letzten Jahren,
so wollten wir auch jetzt verfahren,
dass wir uns doch das Schenken schenken
und lieber an das Sparschwein denken

Nur so erspart man sich das Laufen
Wir wollten mir nix, dir nix kaufen.
Jedoch wie immer denk ich dann,
vielleicht hältst du dich nicht daran.

Wenn ich für dich so gar nichts hätte,
wärst du enttäuscht wohl, jede Wette.
Man kann es drehen oder wenden,
ich stände da mit leeren Händen.

Es wird mir gar nichts übrigbleiben,
als doch noch etwas aufzutreiben
Ich kämpfe gegen mein Gewissen,
doch werde ich es machen müssen.

Wenn du nun ganz genauso denkst
und mich nur deshalb doch beschenkst
weil du dann sonst vielleicht, wie dumm,
stehst ohne ein Geschenk herum.

Je mehr ich drüber nachgedacht:
Ich breche nicht, was abgemacht,
weil's dennoch klappte mit dem Schenken:
„So mir nix, dir nix“, sollt man denken.
Autor: Greta Hennen

Kurze einleitende Zusammenfassung der Wirkung

Das Gedicht "Das Weihnachtsgeschenk" von Greta Hennen wirkt auf den ersten Blick leicht und humorvoll, entpuppt sich bei näherer Betrachtung jedoch als ein scharf beobachtetes und psychologisch treffendes Porträt eines alljährlichen Weihnachtsdilemmas. Es fängt den inneren Zwiegesprächs-Monolog ein, den viele Menschen führen, wenn sie vor der Frage stehen, ob man auf Geschenke verzichten sollte. Die Wirkung ist eine Mischung aus augenzwinkernder Selbsterkenntnis und einem Gefühl der Erleichterung, nicht allein mit diesen Gedanken zu sein. Es entlarvt sanft die oft unausgesprochene soziale Verpflichtung, die hinter dem Schenken steht, und endet in einer heiteren Kapitulation vor der menschlichen Natur.

Ausführliche Interpretation des Gedichts

Das Gedicht beschreibt den klassischen Konflikt zwischen Vernunft und Emotion, zwischen Absprache und impulsivem Handeln. Die ersten beiden Strophen etablieren den guten Vorsatz: Man möchte die Tradition des Schenkens in diesem Jahr einfach "schenken", also beiseitelegen, um stattdessen rational zu sparen und sich den Stress der Geschenkesuche zu ersparen. Die Formulierung "So mir nix, dir nix" unterstreicht dabei den Wunsch nach einer einfachen, unkomplizierten Lösung.

Ab der dritten Strophe beginnt das große Zweifeln. Das lyrische Ich wird von der Angst getrieben, der andere könnte sich nicht an die Abmachung halten. Diese Sorge führt zu der bildhaften Vorstellung, "mit leeren Händen" dazustehen – ein Zustand, der nicht nur materielle Leere, sondern auch soziale Peinlichkeit und die Angst, den Erwartungen nicht zu genügen, symbolisiert. Der innere Kampf ("Ich kämpfe gegen mein Gewissen") ist deutlich spürbar, doch die Vernunft unterliegt letztlich der sozialen Konvention und der Furcht vor Enttäuschung.

Die geniale Wendung folgt in der fünften Strophe: Das lyrische Ich projiziert seine eigenen Gedanken auf das Gegenüber ("Wenn du nun ganz genauso denkst"). Es entsteht das Bild zweier Menschen, die beide heimlich zum Einkaufen gehen, weil jeder befürchtet, der andere könnte es tun. Diese wechselseitige Spekulation entlarvt die ganze Absurdität der Situation. Die Schlussstrophe löst den Konflikt nicht auf, sondern akzeptiert ihn mit einem humorvollen Schulterzucken. Der ursprüngliche Plan wird gebrochen, aber da es am Ende doch Geschenke gibt, "klappte" das Schenken auf eine unvorhergesehene Weise. Der Titel "Das Weihnachtsgeschenk" erhält so eine doppelte Bedeutung: Es geht nicht nur um das physische Präsent, sondern auch um die erzwungene Einsicht in die menschliche Psychologie.

Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?

Das Werk erzeugt eine überwiegend heitere und sympathische Stimmung, die von sanfter Selbstironie geprägt ist. Der Leser schmunzelt über die allzu menschliche Inkonsequenz des Sprechers. Gleichzeitig schwingt ein Hauch von Melancholie oder Resignation mit – die Erkenntnis, dass selbst die besten rationalen Pläne oft an unseren Emotionen und sozialen Ängsten scheitern. Insgesamt ist die Atmosphäre aber warm und verbindend, da sie ein Gefühl des "Wir-sind-alle-im-selben-Boot" vermittelt. Es ist keine beißende Satire, sondern ein liebevoll-ironischer Blick auf eine weihnachtliche Alltagssituation.

Für welche Anlässe eignet sich das Gedicht besonders?

Dieses Gedicht ist ein perfekter Begleiter für verschiedene gesellige Anlässe in der Vorweihnachtszeit. Es eignet sich hervorragend als humorvoller Einstieg oder als pointierter Abschluss einer Weihnachtsfeier im Freundes- oder Kollegenkreis. Vor einem Erwachsenenpublikum vorgetragen, kann es die Stimmung sofort auflockern. Zudem ist es ideal für private Weihnachtskarten oder als beigelegter Text zu einem Geschenk, besonders wenn man genau über die im Gedicht beschriebene Situation gelacht hat. Es fungiert auch als brillanter Gesprächsstarter für Diskussionen über Konsum, Tradition und die wahre Bedeutung des Schenkens.

Für wen bzw. für welche Altersgruppe eignet sich das Gedicht?

Die Zielgruppe sind eindeutig Erwachsene und Jugendliche ab etwa 14 Jahren. Besonders ansprechend ist es für Menschen, die bereits eigene Erfahrungen mit dem Planen, Organisieren und dem damit verbundenen Stress der Weihnachtsgeschenke gemacht haben. Paare, Freundesgruppen oder Berufstätige, die alljährlich vor der Frage "Schenken wir uns dieses Jahr etwas?" stehen, werden den beschriebenen Konflikt sofort wiedererkennen und den humorvollen Zugang schätzen. Die benötigte Lebenserfahrung, um die subtile Sozialkritik und Selbstironie vollends zu würdigen, macht es zum idealen Gedicht für ein reiferes Publikum.

Für wen eignet sich das Gedicht weniger?

Für jüngere Kinder ist das Gedicht aufgrund seiner ironischen Ebene und der psychologischen Zwischentöne weniger geeignet. Sie würden die Pointe und den inneren Konflikt wahrscheinlich nicht verstehen. Ebenso könnte es für Menschen, die das Schenken als unantastbare, rein herzliche Tradition ohne jeden Zweifel sehen, etwas befremdlich wirken. Wer nach einem feierlichen, besinnlichen oder religiösen Weihnachtsgedicht sucht, wird hier nicht fündig. Der Fokus liegt klar auf der zwischenmenschlichen Komödie und nicht auf der christlichen oder besinnlichen Dimension des Festes.

Vortrags- und Inszenierungstipps

Um die Wirkung des Gedichts voll zu entfalten, empfehlen sich folgende Vortragsideen:

  • Tonlage und Mimik: Beginnen Sie mit einem entschlossenen, fast überzeugten Ton in den ersten Strophen. Lassen Sie dann ab der dritten Strophe einen deutlichen Unsicherheits-Tonfall einfließen. Die Zeilen "Jedoch wie immer denk ich dann..." und "Es wird mir gar nichts übrigbleiben..." sollten mit hörbarem Seufzen oder einem Schulterzucken vorgetragen werden. Ein verschmitztes Lächeln bei der Schlusspointe setzt den perfekten Schlusspunkt.
  • Dialogische Inszenierung: Das Gedicht lässt sich hervorragend als kleines Theaterstück für zwei Personen inszenieren. Person A spricht die ersten vier Strophen. Person B, die bisher schweigend daneben stand, übernimmt dann überraschend die fünfte Strophe ("Wenn du nun ganz genauso denkst..."), als habe sie die Gedanken von Person A gelesen. Beide sprechen die letzte Strophe gemeinsam, vielleicht mit einem lachenden Blickwechsel.
  • Visuelle Unterstützung: Bei einem Vortrag vor Publikum können einfache Requisiten den Witz unterstreichen: Zeigen Sie zu Beginn ein Schild mit "Sparschwein" oder "Keine Geschenke dieses Jahr". Während des Vortrags verstecken Sie es dann langsam hinter dem Rücken und holen stattdessen ein übergroßes, bunt eingewickeltes Päckchen hervor.
  • Pausen setzen: Nutzen Sie strategische Pausen für maximale Wirkung, besonders nach den Zeilen "vielleicht hältst du dich nicht daran" und "stehst ohne ein Geschenk herum". Diese Momente des Innehaltens lassen das Publikum die Absurdität der Situation selbst realisieren.

Abschließende Empfehlung

Wählen Sie dieses Gedicht genau dann, wenn Sie bei einer Weihnachtsfeier eine lockere, ungezwungene und zum Schmunzeln anregende Atmosphäre schaffen möchten. Es ist die ideale literarische Zugabe für alle, die den alljährlichen Geschenke-Stress aus humorvoller Distanz betrachten wollen. Perfekt ist es auch als kleines Geschenk an einen Menschen, mit dem Sie schon oft über genau dieses Dilemma gesprochen haben – es zeigt Verständnis und bringt die gemeinsame Erfahrung auf den Punkt. Letztlich ist "Das Weihnachtsgeschenk" von Greta Hennen weniger ein Gedicht über das Fest selbst, sondern vielmehr ein kluges und unterhaltsames Stück über uns selbst und unsere kleinen menschlichen Unzulänglichkeiten in der besinnlichsten Zeit des Jahres.

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