Die Ruah
Kategorie: Adventsgedichte
Die Ruah
Der vierte Sonntag im Advent,Autor: Paul Heis
das wird ein ruhiger Tag,
so dacht ich mir und schwuppdiwupp,
die Tourenschi parat.
Mit Thermoskanne, Kind und Zuig,
geht es auf den Hausberg hoch,
wär schön wenn's heut der ruhigste Tag,
nun wird in dieser Woch‘, doch,…
dass Advent koa Ruhe bringt,
des wissn wir scho lang,
da nutz dann a Corona nix
und auch koa ruhiger Gsang.
Die Kinder und des Touren-Zuig,
was Mann und Frau so braucht,
bis alles fertig grichtet isch,
sein leicht zwoa Stund verraucht.
So starten wir und gleich danach,
nach laaaangen sieben Minuten,
fragt der kloane Luis verzagt,
"Wann sein ma wieder unten?"
Es hilft ihm auch kein liebes Wort,
der Weg scheint ihm zu lang,
er brüllt, bleit stehn und protestiert,
mir wird fast Angst und bang.
Ganz so schlimm war's doch dann nicht,
er zog dann doch gut rauf,
und justament als er so gut,
da kam sein Bruder Toni drauf,
dass er sich auch könnt zieren,
und leicht a bissl zicken,
und doch, das Licht am End des Tunnels,
war bald zu erblicken.
Nun gab es wie in Hollywood
ein riesen Happy Ende,
erreichten wir mit Glücksgefühl,
der Hütte schützend Wände.
Da komm i leicht wegn dieser Tour,
ins Grübeln - fast ins Schwitzen,
wär's nicht besser einfach nur,
dahoam vorm Fernseher z' sitzen?
Na, 's nix toan isch das blödeste,
das isch mir unbestritten,
die Ruah isch igendwo dahoam,
in der goldnen Mitten.
- Kurze einleitende Zusammenfassung der Wirkung
- Ausführliche Interpretation des Gedichts
- Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?
- Für welche Anlässe eignet sich das Gedicht besonders?
- Für wen bzw. für welche Altersgruppe eignet sich das Gedicht?
- Für wen eignet sich das Gedicht weniger?
- Vortrags- und Inszenierungstipps
- Abschließende Empfehlung
Kurze einleitende Zusammenfassung der Wirkung
Das Gedicht "Die Ruah" von Paul Heis wirkt wie ein augenzwinkernder Spiegel für jeden, der in der hektischen Adventszeit nach besinnlicher Stille sucht und stattdessen im familiären Alltagstrubel landet. Es entlarvt mit liebevollem Humor die Kluft zwischen romantischer Weihnachtsvorstellung und der realen, oft chaotischen Familienwirklichkeit. Die Wirkung ist unmittelbar sympathisch und entlastend, denn es erlaubt dem Leser, über die eigenen gescheiterten Ruheversuche zu lachen. Statt erhobenem Zeigefinger bietet es eine heitere Bestätigung: Die wahre "Ruah" findet man nicht in der absoluten Stille, sondern mitten im lebendigen - wenn auch anstrengenden - Miteinander.
Ausführliche Interpretation des Gedichts
Paul Heis spinnt in seinem Werk einen modernen, mundartlich gefärbten Erzählfaden, der die traditionelle Adventslyrik auf den Kopf stellt. Der Titel "Die Ruah" ist dabei programmatisch und ironisch zu verstehen. Anstatt eines besinnlichen Gedankengangs erlebt der Leser einen minutiös geschilderten Familienausflug, der alles andere als ruhig verläuft.
Die erste Strophe setzt mit einer naiven Erwartungshaltung ein: Der vierte Advent soll "ein ruhiger Tag" werden. Schnell wird diese Illusion durch das dynamische "schwuppdiwupp" und die vorbereiteten Skier zunichte gemacht. Der Dichter zeichnet hier den typischen Impuls, der inneren Unruhe durch äußere Aktivität zu entfliehen. Die folgenden Strophen beschreiben dann den mühsamen Aufstieg, angetrieben von der Hoffnung auf den "ruhigste[n] Tag" der Woche. Die bittere Erkenntnis "dass Advent koa Ruhe bringt" wird als allgemeingültige Wahrheit ("des wissn wir scho lang") präsentiert, die selbst eine Pandemie ("Corona") nicht ändern kann. Dies verleiht dem Text eine zeitlose wie auch zeitgenössische Note.
Der Kern des Gedichts liegt in der meisterhaften Schilderung der kindlichen Rebellion. Der kleine Luis fragt bereits nach sieben Minuten "verzagt" nach dem Ende, sein Bruder Toni folgt dem Beispiel "a bissl zicken". Diese Episode ist der Höhepunkt der erhofften "Ruah"-Störung und dürfte allen Eltern schmerzlich vertraut vorkommen. Die Rettung bringt - wie im Kino - das "Happy Ende" in der schützenden Hütte. Die anschließende Reflexion des Sprechers ist entscheidend: Er grübelt, ob es nicht besser wäre, "dahoam vorm Fernseher" zu sitzen. Die Antwort fällt klar und weise aus. Das "nix toan" wird als "das blödeste" verworfen. Die finale und tröstliche Pointe lautet, dass die wahre Ruhe "in der goldnen Mitten" zu Hause ist - also nicht in passiver Untätigkeit, sondern in der ausgeglichenen, aktiven und gemeinsamen Erfahrung, trotz aller Widrigkeiten.
Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?
Das Gedicht erzeugt eine warmherzige, leicht chaotische und durchweg heitere Stimmung. Es ist getragen von einer Mischung aus liebevoller Resignation und unerschütterlichem Familiensinn. Die bayrisch-österreichische Mundart ("koa", "isch", "Gsang", "verraucht") verleiht der Erzählung Authentizität und Bodenständigkeit, die Distanz abbaut und Nähe schafft. Man fühlt sich als Leser sofort in die Situation hineinversetzt, spürt die anfängliche Vorfreude, die aufkeimende Verzweiflung während des Marsches und schließlich das triumphale Glücksgefühl beim Erreichen des Ziels. Es ist keine stille, andächtige Weihnachtsstimmung, sondern eine lebendige, lärmende und letztlich sehr erfüllende Atmosphäre des gemeinsamen Bewältigens. Die Grundstimmung ist optimistisch und versöhnlich, weil sie die Störfaktoren nicht verdammt, sondern als Teil des gelungenen Tages akzeptiert.
Für welche Anlässe eignet sich das Gedicht besonders?
Dieses Gedicht ist ein perfekter Begleiter für zahlreiche Gelegenheiten in der Vorweihnachtszeit und darüber hinaus. Es passt hervorragend in gesellige Runden wie Familienfeiern an den Adventwochenenden, wo es für Lacher und Zustimmung sorgen wird. Auch in geselligen Vereinsrunden oder bei Weihnachtsfeiern von Elterninitiativen, Sportvereinen oder Wanderclubs kommt seine Thematik ideal zur Geltung. Darüber hinaus eignet es sich als humorvoller Beitrag in Weihnachtsnewslettern, auf Familienblogs oder in sozialen Medien, um den Stress der Vorbereitungen aufzulockern. Sogar als vorweihnachtliche Lesung in einer Bücherei oder einem gemütlichen Café kann es, vorgetragen mit der richtigen Dialektfärbung, ein Highlight sein. Es ist weniger ein Gedicht für die stille Andacht, sondern vielmehr für den geselligen Moment des gemeinsamen Wiedererkennens und Schmunzelns.
Für wen bzw. für welche Altersgruppe eignet sich das Gedicht?
Die Zielgruppe für "Die Ruah" ist breit gefächert, aber besonders ansprechend ist es für Erwachsene im Familienalter, also für Eltern mit Kindern jeden Alters. Sie werden die beschriebenen Szenen unmittelbar aus ihrem eigenen Leben kennen. Ebenso angesprochen fühlen dürften sich Großeltern, die mit weiser Nachsicht auf vergangene eigene Erlebnisse zurückblicken. Junge Erwachsene, vielleicht selbst noch ohne Kinder, können den Text als amüsante und vielleicht auch aufklärende Perspektive auf das Familienleben genießen. Grundsätzlich ist das Gedicht für alle Altersgruppen ab dem Jugendalter verständlich und unterhaltsam, sofern sie Freude an humorvollen Alltagsbeobachtungen und mundartlichen Färbungen haben.
Für wen eignet sich das Gedicht weniger?
Weniger geeignet ist das Werk für Leser oder Zuhörer, die ein klassisches, besinnliches und formstrenges Weihnachtsgedicht erwarten. Wer nach tiefgründiger religiöser Symbolik oder metaphysischer Ruhesuche in der Adventszeit sucht, wird hier nicht fündig. Auch Personen, die mit dem süddeutsch-österreichischen Dialekt gar nichts anfangen können oder wollen, könnten Schwierigkeiten haben, den vollen Charme und Rhythmus des Textes zu erfassen. Zudem ist es vielleicht nicht die erste Wahl für eine sehr formelle oder offizielle Weihnachtsveranstaltung, bei der ein eher traditioneller und ernster Ton gewünscht ist.
Vortrags- und Inszenierungstipps
Um "Die Ruah" voll zur Geltung zu bringen, sind einige Inszenierungsideen entscheidend. Der Vortragende sollte den Dialekt nicht übertreiben, aber doch hörbar und mit sicherem Gefühl für die Melodie der Sprache einsetzen. Betonen Sie die temporeichen Passagen ("schwuppdiwupp", "leicht zwoa Stund verraucht") mit einem schnelleren Tempo, während die resignativen oder reflektierenden Stellen ("da komm i leicht wegn dieser Tour, ins Grübeln") eine langsamere, nachdenklichere Sprechweise verdienen.
- Stimmlage & Charaktere: Verleihen Sie den klagenden Kinderstimmen ("Wann sein ma wieder unten?") eine höhere, quengelige Tonlage. Die erzählende Erwachsenenstimme kann zwischen anfänglichem Enthusiasmus, mid-tourlicher Verzweiflung und abschließender Zufriedenheit changieren.
- Pausen & Blickkontakt: Setzen Sie nach der Frage "wär's nicht besser einfach nur, dahoam vorm Fernseher z' sitzen?" eine deutliche, zum Nachdenken einladende Pause. Suchen Sie während des Vortrags immer wieder den Blickkontakt zum Publikum, besonders bei den universellen Wahrheiten ("des wissn wir scho lang").
- Visuelle Unterstützung: Bei einer längeren Darbietung könnten einfache, skizzenhafte Projektionen (ein Berg, zwei quengelnde Strichmännchen, eine Hütte) die Erzählung begleiten. Noch einfacher: Lassen Sie vor dem Vortrag Skier oder eine Thermoskanne dekorativ platzieren.
- Gruppenvortrag: Besonders lebendig wird es, wenn Sie den Text als kleines Rollenspiel mit mehreren Stimmen inszenieren: Eine Erzählerstimme, eine Stimme für Luis, eine für Toni und vielleicht eine für die reflektierenden Gedanken am Schluss.
Abschließende Empfehlung
Wählen Sie dieses Gedicht genau dann, wenn die Adventshektik um Sie herum tobt und der Begriff "Besinnlichkeit" wie eine ferne Utopie erscheint. Es ist das ideale sprachliche Mittel, um am Heiligen Abend, beim Adventskaffee mit anderen gestressten Eltern oder bei der Weihnachtsfeier des Wandervereins die Anspannung zu durchbrechen und ein echtes, gemeinsames Lachen zu provozieren. Es eignet sich perfekt, um zu zeigen, dass die perfekte Weihnacht nicht in makelloser Ruhe, sondern im gemeinsamen Meistern des kleinen Chaos liegt. "Die Ruah" ist damit mehr als nur ein Gedicht - es ist eine heitere Lebensweisheit für die besinnlichste und zugleich geschäftigste Zeit des Jahres.
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