Weihnachtsabend

Kategorie: lustige Weihnachtsgedichte

Weihnachtsabend

Ich habe den Weihnachtsmann getroffen.
Erst dachte ich, er war besoffen.
Er torkelte durch den weichen Schnee,
dann fiel er hin ohjeminee!
Weihnachtsmann, was machst du nur für Sachen!
Das ist doch wahrlich nicht zum Lachen,
schimpfte die Frau Krause,
die Kinder warten doch zu Hause.
Doch du liegst hier mit den Geschenken!
Ich will gar nicht weiter daran denken,
wie traurig Kinderaugen sind.
Weihnachtsmann, du warst doch auch einmal ein Kind!
Autor: Ute Deisinger

Kurze einleitende Zusammenfassung der Wirkung

Das Gedicht "Weihnachtsabend" von Ute Deisinger wirkt auf den ersten Blick überraschend und komisch, entpuppt sich bei näherer Betrachtung jedoch als ein kleines, feines Werk mit hintergründigem Charme. Es bricht mit der klassischen, oft etwas kitschigen Erwartung an Weihnachtsverse und ersetzt sie durch eine allzu menschliche und skurrile Begegnung. Diese unerwartete Wendung sorgt für Erheiterung, regt aber gleichzeitig auch zum Nachdenken über die Last der Erwartungen und die Menschlichkeit hinter der Symbolfigur an. Die Wirkung ist somit eine gelungene Mischung aus Schmunzeln und einem Hauch von Wehmut.

Ausführliche Interpretation des Gedichts

Deisingers Gedicht dekonstruiert auf humorvolle Weise den Mythos des perfekten Weihnachtsfestes. Die Begegnung mit dem Weihnachtsmann, der hier nicht als omnipotente, freundliche Figur, sondern als offenbar überforderter und "besoffen" wirkender Mann dargestellt wird, ist der zentrale Aufhänger. Das Wort "ohjeminee" unterstreicht die slapstickartige Komik des Sturzes. Die eigentliche Kritik und die moralische Instanz wird jedoch durch die Figur der "Frau Krause" eingeführt. Sie repräsentiert die erwachsene, pragmatische Welt, die auf Pflichterfüllung und die Erwartungen der Kinder pocht. Ihre Vorwürfe sind nachvollziehbar: Die Enttäuschung der Kinder steht im Raum.

Die entscheidende und tiefgründige Pointe liefert die letzte Zeile: "Weihnachtsmann, du warst doch auch einmal ein Kind!" Dieser Satz transformiert das Gedicht. Er ist weniger ein Vorwurf, sondern vielmehr eine empathische Erinnerung. Er lenkt den Blick darauf, dass auch der Weihnachtsmann - als Symbol für alle, die in der Weihnachtszeit unter Stress und Erwartungsdruck stehen - einmal die unschuldige Vorfreude eines Kindes kannte. Die Zeile relativiert die vorherige Schimpftirade und lädt dazu ein, Mitgefühl für die überforderte Symbolfigur zu entwickeln. Das Geschenk liegt im Schnee, aber die eigentliche Botschaft könnte sein, mehr Nachsicht mit den "Menschen hinter der Rolle" zu haben.

Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?

Das lyrische Werk erzeugt eine ambivalente, mehrschichtige Stimmung. Zunächst dominiert eine heitere, fast kabarettistische Atmosphäre durch die unerwartete und komische Situation. Diese löst beim Leser oder Zuhörer unweigerlich ein Schmunzeln oder Lachen aus. Mit dem Auftritt von Frau Krause kommt ein Ton der Entrüstung und leichten Panik hinzu, die an reale Stressmomente in der Vorweihnachtszeit erinnert. Der Schlussvers schließlich mildert die Komik ab und fügt eine Note der Nachdenklichkeit und leisen Melancholie hinzu. Insgesamt hinterlässt das Gedicht eine warmherzige, sympathische und menschliche Stimmung, die perfekt zu modernen, nicht-perfektionistischen Weihnachtsfeiern passt.

Für welche Anlässe eignet sich das Gedicht besonders?

Dieses Gedicht ist ein idealer Begleiter für lockere und gesellige Weihnachtsfeiern. Seine unkonventionelle Art macht es perfekt für:

  • Familienfeiern mit erwachsenen Kindern oder Jugendlichen, die den klassischen Kitsch satt haben.
  • Betriebsfeiern oder Vereinsfeste, wo man nach einem unterhaltsamen Programmpunkt sucht, der alle zum Lachen bringt.
  • Weihnachtsfeiern im Freundeskreis, die einen humorvollen und ungezwungenen Charakter haben.
  • Als erfrischende Auflockerung innerhalb einer traditionellen Weihnachtslesung, um für Überraschung zu sorgen.
  • Für die Weihnachtsfeier im Kindergarten oder in der Schule - allerdings eher für den Elternabend oder das Kollegium, da es für sehr junge Kinder eventuell irritierend sein könnte.

Für wen bzw. für welche Altersgruppe eignet sich das Gedicht?

Die Zielgruppe für diesen Vers sind primär Erwachsene und Jugendliche ab etwa zwölf Jahren. Diese Altersgruppe kann die humorvolle Brechung der Weihnachtsikonographie vollständig erfassen und die doppelbödige Botschaft würdigen. Auch ältere Kinder im Grundschulalter, die bereits verstehen, dass der Weihnachtsmann eine Symbolfigur ist, könnten über die komische Situation lachen, wobei die letzte, nachdenkliche Zeile für sie möglicherweise weniger Bedeutung hat. Es eignet sich hervorragend für alle, die eine humorvolle und nicht ganz ernste Einstellung zum Weihnachtsfest pflegen.

Für wen eignet sich das Gedicht weniger?

Von einem Vortrag vor sehr kleinen Kindern, die noch fest an den Weihnachtsmann glauben, ist tendenziell abzuraten. Die Darstellung eines stolpernden, möglicherweise angetrunkenen Weihnachtsmannes könnte bei ihnen Verwirrung, Verunsicherung oder sogar Enttäuschung auslösen und ihr magisches Weihnachtsbild stören. Ebenso ist es möglicherweise nicht die erste Wahl für äußerst formelle oder streng traditionell-religiöse Weihnachtsveranstaltungen, bei denen ein eher ehrfürchtiger und feierlicher Ton erwünscht ist. Menschen, die an der klassischen, ungebrochen romantischen Weihnachtslyrik festhalten, könnten den humorvollen Ansatz als unpassend empfinden.

Vortrags- und Inszenierungstipps

Um die volle Wirkung des Gedichts zu entfalten, empfehlen sich bei einem Vortrag folgende gestalterische Ideen:

  • Stimmlage und Tempo: Beginnen Sie mit einem erzählenden, leicht verwunderten Ton ("Ich habe den Weihnachtsmann getroffen."). Bei "besoffen" und "torkelte" kann die Stimme ein verschmitztes Staunen ausdrücken. Den Sturz ("ohjeminee!") betonen Sie am besten mit einem schnellen, überraschten Ausruf. Für die Rede der Frau Krause wechseln Sie in einen scharf-zänkischen, vorwurfsvollen Ton, vielleicht in einer etwas höheren oder schrilleren Stimmlage. Die letzten beiden Zeilen sollten deutlich langsamer und weicher, fast mitleidig oder nachdenklich gesprochen werden.
  • Mimik und Gestik: Untermalen Sie das Torkeln mit einer schwankenden Körperbewegung. Der Sturz kann durch ein plötzliches Zusammenfahren dargestellt werden. Bei der Rolle der Frau Krause könnten Sie die Hände in die Hüften stemmen oder mit dem Finger drohen. Zum Schluss kann ein verständnisvolles Kopfschütteln oder ein sanftes Lächeln die letzte Zeile begleiten.
  • Inszenierung für Gruppen: Bei einer Aufführung mit mehreren Personen bietet sich eine kleine szenische Lesung an: Eine Person als Erzähler, eine zweite in Mütze und Mantel als torkelnder Weihnachtsmann und eine dritte als grantige Frau Krause. Der Weihnachtsmann kann übertrieben theatralisch hinfallen.
  • Umgebung: Ein dezentes Schmunzeln während des Vortrags signalisiert dem Publikum, dass der Humor beabsichtigt ist und lädt zum Mitlachen ein.

Abschließende Empfehlung

Wählen Sie dieses Gedicht genau dann, wenn Sie bei Ihrer Weihnachtsfeier für einen unvergesslichen, lustigen und gleichzeitig nachdenklichen Moment sorgen möchten. Es ist der perfekte Gegenentwurf zu allzu süßlichen oder pathetischen Versen und eignet sich brillant als Eisbrecher oder als pointierter Höhepunkt in einer gemischten Lesung. Besonders empfehlenswert ist es für gesellige Runden, die den Trubel und Stress der Vorweihnachtszeit aus eigener Erfahrung kennen und über die menschlichen Schwächen hinter der festlichen Fassade lachen können - und vielleicht auch ein wenig darüber nachdenken möchten. Es ist ein Gedicht, das Sympathie erzeugt und im Gedächtnis bleibt, lange nachdem der letzte Vers verklungen ist.

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